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Projekt: Anthologie
Deutsche Gedichte wider Judenhass und
Antisemitismus
Einzelne Texte sende ich auf Anfrage gerne
zu (als Email-Datei). Über Hinweise auf wenig bekannte Lyrik zum Thema
freue ich mich.
Für Interpretationen und Besprechungen
von Gedichten steht das Diskussionsforum zur Verfügung. Aus Copyright-Gründen
muss auf die Internetveröffentlichung der meisten Gedichte verzichtet
werden.
Gedicht des Monats
Mai 2008
Ernst Stadler (1883 – 1914)
Judenviertel in London
Dicht an den Glanz der Plätze fressen
sich und wühlen
Die Winkelgassen, wüst in sich verbissen,
Wie Narben klaffend in das nackte Fleisch
der Häuser eingerissen
Und angefüllt mit Kehricht, den die
schmutzigen Gossen überspülen.
Die vollgestopften Läden drängen
sich ins Freie.
Auf langen Tischen staut sich Plunder
wirr zusam-men:
Kattun und Kleider, Fische, Früchte,
Fleisch, in ekler Reihe
Verstapelt und bespritzt mit gelben Naphthaflammen.
Gestank von faulem Fleisch und Fischen
klebt an Wänden.
Süßlicher Brodem tränkt
die Luft, die leise nachtet.
Ein altes Weib scharrt Abfall ein mit
gierigen Händen
Ein blinder Bettler plärrt ein Lied,
das keiner achtet.
Man sitzt vor Türen, drückt sich
um die Karren.
Zerlumpte Kinder kreischen über dürftigem
Spiele.
Ein Grammophon quäkt auf, zerbrochne
Weiberstimmen knarren,
Und fern erdröhnt die Stadt im Donner
der Automobile.
April 2008
Ernst Lissauer (1882 – 1937)
Zweier Völker Last
O Volk, mein Volk! Welch Volk ist denn
nun mein?
Wie eine Kiepe voll Geschichts-Gestein
Schleppe ich zweier Völker Last.
Dem Deutschen Jude, deutsch getarnt,
Dem Juden deutsch, treulos an Israel –
Hört ihr die Klapper, welche weithin
warnt?
Aussätzig von der beiden Völker
Fehl!
Dumpf um mich bläst Jahrtausendwind,
Ich kauere hoch am wilden Zeitenpaß
Und kratze mir den grauen Grind
Der Weltgeschichte, siech von Völkerhaß.
März 2008
Karl Stelter (1823-1912)
Antisemiten
Antisemiten sind nur entstanden
Aus Konkurrenten und Schuldenmachern,
Die, weil sie keinen Kredit mehr fanden,
Wurden zu Judenwidersachern.
Wer nie nach der Decke sich hat gestreckt,
Der hat s e i n Verschulden
im J u d e n entdeckt.
Februar 2008
Otto Richardt Schmidt-Cabanis
(1838-1903)
Die Sonne bleibt.
Welch´ein Knäuel menschlichen
Elends rollt
Dort auf unsere friedliche Flur heran?!
Welche Lawine von Elend wälzt sich
Unseren blühenden Gauen zu ?!
Weinende Kinder,
Der sorgenden Mutterhut
Jach entrissen;
Schwache Matronen, des stützenden
Stabes bar;
Männer, zu Greisen darniedergedrückt
Durch die bleierne Wucht der Noth;
Weiber, das Haar zerrauft
Und die Brüste zerfleischt,
Mit den stieren, zährenzerfressenen
Augen vergeblich
Nach der Spur ihrer Söhne suchend!
Sagt, wer seid Ihr, Unselige?
Redet, welch´ Schreckniß hat
Euch betroffen?!
Hat die brandende Fluth
Eure Aecker ertränkt?
Hat der brausende Sturm
Eure Hütten zerstört?
Hat des Feuers glutfauchender Odem
Euer Erbe zu Asche versengt?
Hat der berstende Leib der Erde
Gierig verschlungen Euch Gut und Hab´?!
– –
– „Wehe, was forschest Du?
Weh´, warum fragst Du ?
Nimmer der Elemente Haß
Kann so grausamen Spruch vollzieh´n:
B l i n d zerstören sie,
B l i n d vernichten sie
M i t ihren O p f e r n s i ch
s e l b st zugleich!
S e h e n d e n Auges vermag nur
der M e n s ch
So gegen S e i n e s g l e i ch
e n zu wüthen!“ – –
– Dann hat des Krieges höllische
Geißel
Also von Haus und Hof Euch vertrieben,
Hat Euch verjagt aus dem wohnlichen Heim,
Hat Euch rechtlos und mundtodt gemacht
?!
Aber wie ist mir? – ich mein, es ruht
ja
Rings in der Scheide das scharfe Schwert;
Nirgend umher in den Landen loht
Jenes Dämons furchtbare Fackel,
Deren Flamme allein
Fließendes Menschenblut löscht
?! – –
– „Nicht hat der Krieg, der Völker
Verderben,
Uns in die Fremde hinausgetrieben,
Nicht uns´re Hütten ein G e
g n e r zerstört!
B r ü d e r sind dieses Unheils Erzeuger,
Sprossen der eigenen Scholle haben
Uns der bleibenden Stätte beraubt,
Haben das Kind von der Mutterbrust,
Haben das Weib vom Gatten gerissen;
In die Oede, in Hunger und Elend
Wandern wir auf des Landesvaters,
Auf des eigenen Herrschers Geheiß!“
– –
– Und warum?
Was habt Ihr verbrochen ?
Habt Ihr „ihn“, den Gesalbten, geschmäht?
Habt Ihr das Reich dem Feinde verrathen?
Habt Ihr verletzt das heil´ge Gesetz?
Welchen unaussprechlichen Freveln
Droht solche Sühne – um Gotteswillen?!
– –
– „Wehe, Du sagst es: um G o t t e s
willen
Sind wir geworden wie Du uns siehst!
Weil wir den Einen Gott, den alleinigen,
Ihn, den Schöpfer von Himmel und
Erde,
U n s e r n Gott und E u r e n
und i h r e n,
Etwas anders als sie bekennen,
In etwas andern Lauten ihn loben,
In etwas andrer Form zu ihm beten,
D a r u m haben sie D a s
uns gethan! – –
– D a r u m ? N u r
d a r u m ?
So wird G o t t Euch retten,
Der der Seinen nimmer vergißt! –
–
– „G o t t soll uns helfen?!
Er hat geschaut die Schmach,
Er hat geduldet die That –
G o t t hat uns v e r l a s s e
n !
Was können wir gegen sein Gebot?
Uns bleibt ein Weg nur:
Verzweifeln und sterben!“ – –
– Nimmer, Ihr Dulder, sei dies das Ende!
Auf zu den Wolken hebet den Blick;
Wie diese dunklen, flücht´gen,
zerreißen:
Schwindet das Unheil, das Menschen uns
schaffen;
Wie vor des Windes Wehen sie weichen,
Schwindet das Dräuen der E
r d e n g ö t t e r!
Aber die S o n n e bleibt,
Aber die Sonne strahlt
Leuchtend herab vom ewigen Himmel;
Und so strahlt Euch das Auge des Einen,
Wahren, Ewigen Unerforschlichen!
Habt Ihr g e g l a u b t ihn,
so h o f f t auch auf ihn,
Der Euch wird l i e b e n d
gen Kanaan führen!
G l a u b e, H o f f n u n g
und L i e b e, die drei
Boten des mächtigen Herrschers der
Welten,
Sind Euch geblieben in Kummer und Noth!
Fest auf des G l a u b e n s Fels
Wurzle der Hütte Grund,
Die Ihr auf freier Erde Euch werdet
Neu erbauen mit neuer Kraft;
H o f f n u n g, des hehren,
Ernsten Bruders mildere Schwester,
Trockne die Zähren Euch von der Wange;
Aber die L i e b e, die stärkste
von ihnen,
Reicht Euch von Herzen die Hand,
Führt Euch den dornigen Pfad . .
. . . . .
Faßt ihre Rechte; sie stützt
Euch, sie trägt Euch;
W i r h e l f e n
A l l e Euch um der L i e b e
willen!
Januar 2008
Heinrich Heine (1797
– 1856)
Einem Abtrünnigen
O des heil’gen Jugendmutes!
O, wie schnell bist du gebändigt!
Und du hast dich kühlern Blutes
Mit den lieben Herrn verständigt.
Und du bist zu Kreuz gekrochen,
Zu dem Kreuz, das du verachtest,
Das du noch vor wenig Wochen
In den Staub zu treten dachtest!
O, das tut das viele Lesen
Jener Schlegel, Haller, Burke –
Gestern noch ein Held gewesen,
Ist man heute schon ein Schurke.
Dezember 2007
Ada Christen, (Pseud. für
Chrstiane von Breden; 1844 - 1901)
Auf dem alten jüdischen
Friedhof zu Prag
Sinnend stand ich bei dem Grabe
Rabbi Löws, des jüdischen Weisen,
Hörte wie im Traum den Führer
Seinen toten Ahnherrn preisen.
Und warum, so frug ich staunen,
All die Juden, groß’ und kleine,
Auf das Grab mit leisem Murmeln
Werfen bunte Kieselsteine?
Und es wurde mir die Antwort:
„Um zu ehren, ist geboten,
Daß wir Blumen streun Lebend’gen,
Steine auf das Grab den Toten.“
Von solch heidnischem Gebrauche
Sind wir Christen längst gereinigt,
Wir bekränzen stets die Gräber
Jener, welche wir gesteinigt.
November 2007
Adolph Donath (1876 – 1937)
War ein Jude und ein Krüppel,
Und sie peitschten ihn hinaus...
Draußen wüteten die Donner,
Und es sprach der Gott der Rache:
„Sieh, du Schöpfung meiner Hände,
Meine Donner schenke ich dir,
Daß sie deine Feinde schlagen;
Denn dein Herz ist eine Träne!“ -
-
Und es zitterten die Wolken,
Und der krumme Jude bebte
Und er schrie: „Du Gott der Liebe,
Gib mir meine alte Erde!...“
Da zerteilten sich die Wolken,
Alte Sonnen kamen wieder,
Und die weißen Engel sangen
Judas Zukunftsmelodei.
Oktober 2007
Ernst Stadler (1883 – 1914)
Gratia divinae pietatis adesto
savinae de petra dura
perquam sum facta figura
(Alte Inschrift am Straßburger Münster)
Zuletzt, da alles Werk verrichtet, meinen
Gott zu loben,
Hat meine Hand die beiden Frauenbilder
aus dem Stein gehoben.
Die eine aufgerichtet, frei und unerschrocken
–
Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt
Frohlocken.
Zu zeigen, wie sie freudig über allem
Erdenmühsal throne,
Gab ich ihr Kelch und Kreuzesfahne und
die Krone.
Aber meine Seele, Schönheit ferner
Kindertage und mein tief verstecktes Leben
Hab ich der Besiegten, der Verstoßenen
gegeben.
Und was ich in mir trug an Stille, sanfter
Trauer und demütigem Verlangen
Hab ich sehnsüchtig über ihren
Kinderleib gehangen:
Die schlanken Hüften ausgebuchtet,
die der lockre Gürtel hält,
Die Hügel ihrer Brüste zärtlich
aus dem Linnen aus-gewellt,
Ließ ihre Haare über Schultern
hin wie einen blon-den Regen fließen,
Liebkoste ihre Hände, die das alte
Buch und den zerknickten Schaft umschließen,
Gab ihren schlaffen Armen die gebeugte
Schwermut gelber Weizenfelder, die in Julisonne schwellen,
Dem Wandeln ihrer Füße die
Musik von Orgeln, die an Sonntagen aus Kirchentüren quellen.
Die süßen Augen mußten
eine Binde tragen,
Daß rührender durch dünne
Seide wehe ihrer Wim-pern Schlagen.
Und Lieblichkeit der Glieder, die ihr
weiches Hemd erfüllt,
Hab ich mit Demut ganz und gar umhüllt,
Daß wunderbar in Gottes Brudernähe
Von Niedrigkeit umglänzt ihr reines
Bildnis stehe.
September 2007
Alfred Lichtenstein (1889
– 1914)
Der Rauch auf dem Felde
Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken,
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.
Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,
Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.
Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten
Ganz betrunkne Späße machten
–
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten
Feldern, die der Mond beschmierte . . .
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend
Aus und rauchte . . .
August 2007
Ernst Lissauer (1882-1937)
„Feindes-Sprache“
„Du, der die Sprache seiner Feinde spricht!
Du, der mit jedem Laut die Schmach vergibt!
Du, der die Sprache seiner Feinde liebt!
Mit jeder Silbe hältst du dir Gericht!“
Und ob sie mich auch schmähn auf allen
Gassen,
Ich kann die deutsche Sprache niemals
hassen.
Aus deutscher Sprache ist mein Geist gebaut,
Die fremde Luft wird deutsch von meinem
Laut.
Ich bin verbannt,
Nicht aus dem Wort.
Es zieht mit mir –
Mein Land,
Mein Ort.
Juli 2007
Ludwig Robert (1778-1832;
Pseud. für Liepmann Levin; Bruder Rahel Levin-Varnhagens)
Jude und Christ
Wenn der ein Jud’ ist, der im Mutterleibe
Verdammt schon ward zu niedrem Sklavenstande,
Der ohne Rechte lebt im Vaterlande,
Dem Pöbel, der mit Kot wirft, eine
Scheibe,
Dem gar nichts hilft, was er auch tu’ und
treibe,
Des Leidenskelch doch voll bleibt bis
am Rande,
Verachtungsvoll und schmachvoll bis am
Rande –
Dann bin ich Jud’ und weiß auch,
daß ich’s bleibe.
Und wenn der Christ ist, der sich streng
befleißet,
Sein Erdenkreuz in Demut zu ertragen,
Und die zu lieben, die ihn tödlich
hassen,
Glaubend, daß alles, was sein Herz
zerreißet,
Der Herr, um ihn zu prüfen, zugelassen
–
Dann bin ich Christ! Das darf ich redlich
sagen.
Juni 2007
Hugo Zuckermann 1881 – 1915
(einer Kriegsverletzung erlegen)
Die neuen Makkabäer
Heute darf ich den Genossen
Makkabäerlieder sagen,
Weil ich selbst ein Schwert getragen
Und mein rotes Blut vergossen.
Heute keine Siegeslieder,
Heute keine Freudenkerzen –
Beugt euch mit zerriss’nen Herzen
Zur entweihten Erde nieder!
Noch ist nicht die Zeit vollendet,
Noch ist nicht das Land gereinigt,
Noch wird unser Volk gesteinigt,
Unsre Tempel sind geschändet.
Keiner festlich hellen Stuben
Siebenarmig Kerzenschimmern –
Über Scherben, Schutt und Trümmern
Raufen sich zerlumpte Buben.
In den weihedunklen Schulen
Stampfen die Kosakenrosse,
Nach dem Lied der letzten Posse
Walzen zwei betrunk’ne Buhlen.
Unter der Granaten Pochen,
Die den Friedhof gut getroffen,
- Alle Gräber gähnen offen –
Speit die Erde Totenknochen.
Darum keine Siegeslieder,
Darum keine Freudenkerzen –
Beugt euch mit zerriss’nen Herzen
Zur entweihten Erde nieder!
In die harten Hände pressen
Sollt ihr fest zwei Erdenbrocken!
Meine Rechte werde trocken,
Könnt’ ich deiner je vergessen!
Deiner Seufzer, deiner Tränen,
Deiner Schwären, deiner Schande!
Judenvolk im Polenlande,
In dem Rachen der Hyänen!
Wer ein gutes Schwert kann schwingen,
Wer noch kann die Büchse tragen,
Wer da kann die Trommel schlagen,
Soll den Arm zum Opfer bringen.
Wer die Berge kann bezwingen,
Wen ein flinkes Roß getragen,
Wer sich auf den Mast will wagen,
Soll die Beine uns verdingen.
Eure Künste, euer Streben,
Eure festen Daseinsplätze,
Eure Häuser, eure Schätze
Heischen wir und: euer Leben!
Euer Leben, daß nicht sterbe
Väterart und Vätererbe.
Macht den Tempel wieder rein,
Laßt uns Makkabäer sein!
Mai 2007
Theodor Lessing (1872 – 1933;
ermordet)
Du bist andre Art
(„Werbung“)
Gib mir die Hand und laß mich dein Auge sehn.
Gingst du allein als Kind, oft im Wald allein?
Liebst du in Nächten schlaflos am Fenster stehn?
Schlaflos der Sterne Schein?
Frau, die ich liebe, kennst du den Hunger gut?
Kennst du den Hunger und alles das Grämen da?
Nagt auch an dir der verschütteten Träume Glut?
Stirbst du auf Golgatha?
Frau, die ich liebe, sprich von der Winterfrist,
Wo ersteht all das zuckende Jugendweh,
Das im Lächeln – ihnen – begraben ist,
Unser totes Kind im Schnee.
Kennst du es nicht, wirst du nimmer mein,
Denn du bist andre Art, und die Stunde kommt,
Wo du verachten wirst, was dir nicht frommt ...
Und ich werd’ schweigen und lächeln und wieder einsam sein.
April 2007
Stefan George (1868-1933)
Germanen und Juden
Ihr Äußerste von windumsauster Klippe
Und schneeiger Brache! Ihr von glühender Wüste!
Stammort des Gott-Gespenstes – gleich Entfernte
Von heitrem Meer und Binnen, wo sich Leben
Zu Ende lebt in Welt von Gott und Bild! . . .
Blond oder schwarz demselben Schoß entsprungne,
Verkannte Brüder, suchend euch und hassend,
Ihr immer schweifend und drum nie erfüllt!
März 2007
Mathias Acher (Nathan Birnbaum;
1864-1937)
Ihr und ich
Ihr habt mir das Schwert aus den Händen gewunden,
Die Krone gerissen vom Königshaupt,
Ihr habt mir den Rücken krumm gebunden,
Den kecken, den siegenden Blick geraubt!
Ihr habt mich aus einsamer Höhe gestoßen,
In wimmelnde Tiefe hinabgedrängt,
Ihr habt meinen Stolz, den reinen und großen,
In Schmutz und Schlamm und Sumpf ertränkt!
Ihr habt mich gehalten in dumpfen Verließen
Und habt mir gestohlen die jauchzende Welt,
Ihr habt mich betrogen ums Glückgenießen
Und habt mir den Sinn meines Lebens entstellt!
So will ich euch fluchen und will euch hassen!
Doch nein! – Ich entkam ja der Schmach und Not;
Wohl könnt ihr´s in eurem Dünkel nicht fassen,
Wie blutend Leben weiter loht:
Aus meinem Herzen hab’ ich gesogen
Viel sonnige Fäden so fein und fest,
Und hab’ mir daraus zusammengewoben
Ein neues, lauschiges Weltennest.
Aus meinem Geiste hab’ ich geschmiedet
Mir hurtig Krone und Schwert zugleich,
Nun rag’ ich aufrecht und glanzumfriedet
In meinem jungen Gedankenreich.
Und hole aus tiefen Seelenverstecken
Mein Wollen, den zeugenden Sturm, hervor,
Und lass’ ihn wirbeln und lass’ ihn wecken
Aus Ahnen und Denken die Taten empor! ...
So will ich euch segnen und will euch lieben,
Soviel und so schwer ihr gesündigt an mir!
Denn ich bin das siegende Opfer geblieben
Und reueverfallene Henker ihr!
Februar 2007
Ludwig Fulda (1862-1939 Suizid)
Sagt Einer heut auf hohem Rednerpult
Mit etwas Zungenkunst und Spiegelfechten:
„Die Müllerknechte sind an Allem schuld,
An allem Schädlichen und allem Schlechten“,
Und wiederholt im Lande weit und breit
Den gleichen Satz mit kühler Überlegung,
Dann haben wir äußerst kurzer Zeit
Die große Anti-Müllerknecht-Bewegung.
Januar 2007
Max Nordau (Pseud. für
Max Simon Südfeld), 1849-1923
Dem Antisemiten
Wie den köstlichsten Wein zu Essigsäure
Vergiftet das faulige, kahmige Faß,
So die christliche Liebe verderbet eure
Modrige Seele zu christlichem Haß.
Des Heilands wollen nun wir gedenken,
Da ihr ihn vergesst in heidnischer Wuth,
Und Mitleid auch und Verzeihung schenken
Sprechend: Ihr wisst nicht, was ihr thut!“
Dezember 2006
Günther Walling (1839-1896;
Karl Fr. Ulrici)
Den Brüdern in Christo
(1893)
Sie haben unsre Schlachten mitgeschlagen,
Sie haben unsre Siege miterrungen,
Und dennoch schmäht Ihr sie mit Lästerzungen;
Weshalb? – Weil sie den Namen Juden tragen.
Sie haben mitgeweint bei unserm Klagen,
Sie haben laut ihr Freudenlied gesungen,
Als wir errangen Ruhm und Huldigungen;
Deutsch, wie ihr Wort, war ihres Herzens Schlagen.
Und nun, da Deutschland groß und neu geeinigt,
Ist Euer Dank und Euer christlich Lieben,
Daß laut Ihr ruft: „Die Juden kreuzigt, steinigt.“
Ein Brandmahl habt in eitler Sinnumnachtung
Ihr auf die Heuchlerstirn Euch selbst geschrieben;
Nur ein Gefühl bleibt mir für Euch: Verachtung!
November 2006
E. Henle (Pseud. für
Elise Levi, geb. Henle, 1832-1892)
Was ich davon halte?
Der Antisemitismus ist –
Sie fragen, was i ch davon halte –
Ein Rückschritt, der nach Jahrhunderten mißt,
Die Rohheit wecket, die alte.
Er ist eine Schande für unsre Zeit,
Ein Auswuchs und häßliches Mal;
Ich sehe ihn wachsen und seh´ es mit Leid,
Daß möglich ein solcher Skandal.
Dort, wo er begonnen, dort müsse er enden,
Ich klage die Obersten an,
Sie hatten die Macht, das Unheil zu wenden,
Und s i e gaben frei ihm die Bahn.
Nun wälzt sich, verheerend der gräßliche Brand,
Geschürt von dunkelen Männern,
Durch Deutschlands Gauen von Land zu Land,
Geschützt von heimlichen Gönnern.
Und so wird es bleiben noch endlose Zeit
Trotz eifrigen, mühsamen Strebens,
Und nimmer wird enden des Judenvolks Leid,
Denn h i e r kämpfen Götter vergebens.
Oktober 2006
Nikolaus Lenau (Pseud. für
Niembsch Edler von Strehlenau, 1802-1850)
Der arme Jude
Armer Jude, der du wandeln
Mußt von Dorf zu Dorf hausierend,
Schlecht genährt und bitter frierend,
Allwärts rufend: „Nichts zu handeln?!“
Holt die Seuche Mann und Frauen,
Ziehst du nach auf ihrer Fährte,
Und die Kleider, die sie leerte,
Schleppst du fort, dir darf nicht grauen.
Auf dem Baume krächzt der Rabe,
Hunde zerren dich am Rocke,
Schneegestöber Flock an Flocke.
Fleißig wanderst du am Stabe.
Ein Jerusalem, papieren,
Bauen deine Stammgenossen,
Doch für dich ist es verschlossen,
Wandern mußt du, darben, frieren.
Jene haben’s hoch getrieben,
Du verschacherst alte Kleider;
Aber alle seid ihr leider
Ein geknicktes Volk geblieben.
September 2006
Heinrich Heine (1797-1856)
Doña Clara
In dem abendlichen
Garten
Wandelt des Alkaden
Tochter;
Pauken- und Drommetenjubel
Klingt herunter von
dem Schlosse.
›Lästig werden
mir die Tänze
Und die süßen
Schmeichelworte,
Und die Ritter,
die so zierlich
Mich vergleichen
mit der Sonne.
Überlästig
wird mir alles,
Seit ich
sah, beim Strahl des Mondes
Jenen
Ritter, dessen Laute
Nächtens
mich ans Fenster lockte.
Wie er
stand so schlank und mutig,
Und die
Augen leuchtend schossen
Aus dem
edelblassen Antlitz,
Glich
er wahrlich Sankt Georgen.‹
Also dachte
Doña Clara,
Und sie
schaute auf den Boden;
Wie sie
aufblickt, steht der schöne,
Unbekannte
Ritter vor ihr.
Händedrückend,
liebeflüsternd
Wandeln
sie umher im Mondschein.
Und der
Zephir schmeichelt freundlich,
Märchenartig
grüßen Rosen.
Märchenartig
grüßen Rosen,
Und sie
glühn wie Liebesboten. -
»Aber
sage mir, Geliebte,
Warum du so plötzlich rot wirst?«
»Mücken stachen mich, Geliebter,
Und die Mücken sind, im Sommer,
Mir so tief verhaßt, als wären's
Langenas'ge Judenrotten.«
»Laß die Mücken und die Juden«,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
Von den Mandelbäumen fallen
Tausend weiße Blütenflocken.
Tausend weiße Blütenflocken
Haben ihren Duft ergossen. -
»Aber sage mir, Geliebte,
Ist dein Herz mir ganz gewogen?«
»Ja, ich liebe dich, Geliebter,
Bei dem Heiland sei's geschworen,
Den die gottverfluchten Juden
Boshaft tückisch einst ermordet.«
»Laß den Heiland und die Juden«,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
In der Ferne schwanken traumhaft
Weiße Lilien, lichtumflossen.
Weiße
Lilien, lichtumflossen,
Blicken
nach den Sternen droben. -
»Aber
sage mir, Geliebte,
Hast du
auch nicht falsch geschworen?«
»Falsch
ist nicht in mir, Geliebter,
Wie in
meiner Brust kein Tropfen
Blut ist
von dem Blut der Mohren
Und des
schmutz'gen Judenvolkes.«
»Laß
die Mohren und die Juden«,
Spricht
der Ritter, freundlich kosend;
Und nach
einer Myrtenlaube
Führt
er die Alkadentochter.
Mit den
weichen Liebesnetzen
Hat er
heimlich sie umflochten;
Kurze
Worte, lange Küsse,
Und die
Herzen überflossen.
Wie ein
schmelzend süßes Brautlied
Singt
die Nachtigall, die holde;
Wie zum
Fackeltanze hüpfen
Feuerwürmchen
auf dem Boden.
In der
Laube wird es stiller,
Und man
hört nur, wie verstohlen,
Das Geflüster
kluger Myrten
Und der
Blumen Atemholen.
Aber Pauken
und Drommeten
Schallen
plötzlich aus dem Schlosse,
Und erwachend
hat sich Clara
Aus des
Ritters Arm gezogen.
»Horch!
da ruft es mich, Geliebter;
Doch, bevor wir scheiden, sollst du
Nennen deinen lieben Namen,
Den du mir so lang verborgen.«
Und der Ritter, heiter lächelnd,
Küßt die Finger seiner Doña,
Küßt die Lippen und die Stirne,
Und er spricht zuletzt die Worte:
»Ich,
Señora, Eu'r Geliebter,
Bin der Sohn des vielbelobten,
Großen, schriftgelehrten Rabbi
Israel von Saragossa.«
August 2006
Friedrich Gottlieb Klopstock
(1724-1803)
Aus der Ode „An den Kaiser“
(Joseph II.)
Den Priester rufst du wieder zur Jüngerschaft
Des großen Stifters; machest zum Untertan
Den jochbeladenen Landmann; machst den
Juden zum Menschen. Wer hat es geendet,
Wie du beginnest? Wenn vor des Ackerbau’s
Schweiß nicht für ihn auch triefet des Bauern Stirn,
Pflügt er nicht Eigentum dem Säugling,
Seufzet er mit, wenn von Erntelasten
Der Wagen seufzt: so bürdet Tyrannenrecht
Dem Unterdrückten Landeserhaltung auf,
Dienst, den die blut’ge Faust des Stärkern
Grub in die Tafel. Und die zerschlägst du!
Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht,
Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht!
Und tut der’s nicht, weil unsere Fürsten
Sie in zu eiserne Fesseln schmieden?
Du lösest ihnen, Retter, die rostige,
Eng angelegte Fessel vom wunden Arm;
Sie fühlen’s, glauben’s kaum. So lange
Hat’s um die Elenden hergeklirrt.
...
Juli 2006
Rudolf Elcho (1839-1923)
An jeden Hetzprediger (1893)
Als Antisemit stehst du eingeschrieben
Und bist doch in Wahrheit ein Antichrist.
Dein Meister gebot dir, den Nächsten zu lieben,
Doch du lehrst, daß hassen verdienstlich ist.
Juni 2006
Adolf Baginsky (1843-1918)
Nimmer vermöchte des Pöbels
Hep-Hep-Geschrei mich zu schrecken,
Mitleid nur mit dem Schreier
Könnte sein Wahn mir erwecken.
Härter trifft den Erzogenen
Gehässiges Trachten und Denken,
Welches den Sinn uns verbitternd
Vom Wohlthun zur Härte will lenken.
Immer aber beklag´ ich
Das antisemitische Treiben,
Weil mit der Schande der Schaden
Dem bethörten Volke wird bleiben.
Mai 2006
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Der Jude an den Christen
Ich sank zu deinen Füßen bleich und blutend,
Ich zeigte stumm auf die Vergangenheit;
Ich rief, im Sterben selbst mich noch ermutend:
Sei du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit!
Du standest still vor mir, mich ernst betrachtend,
Dein Blick, umwölkt zwar, schien doch mitleidsvoll,
So daß mein Herz, bisher verzweifelnd schmachtend,
Zum erstenmal von sanfter Hoffnung schwoll.
Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden,
Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört,
Du fandest schaudernd alle unverbunden
Und wandtest dich, im Innersten empört.
Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen,
Daß mich kein Mensch mehr Bruder nennen kann,
Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen;
Dann wiederholst du streng den alten Bann.
O, zerr es nur aus dunklem Tabernakel
Hervor, mein Bild, zerrissen und entstellt;
O, stell es nur mit jedem seiner Makel
Im Glanz der Sonne auf vor aller Welt!
Was war in eurer Märt’rer Leib zu lesen,
Wenn man zerfetzt hervor sie stieß an Licht?
Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen –
Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht!
April 2006
Gabriel Riesser (1806-1863)
Die Thora
(„Hagbaha“)
Dies ist die Thora, dies das Wort,
Das Gott uns hat gegeben,
Daß wir’s bewahren fort und fort
Und tragen durch das Leben.
Dies ist das himmlische Panier,
Um das wir mutig stritten,
Und tausend Tode haben wir
Um dies Panier gelitten.
Gott, unser König, Gott der Macht!
Du gabst es unsern Ahnen,
Verloren haben wir die Schlacht,
Doch hier sind unsere Fahnen.
Wohl mancher ward, in sie gehüllt,
Den Flammen übergeben,
Wohl mancher ließ auf diesem Schild
Durchbohrt sein tapf’res Leben.
Der Feind schoß Pfeile, Feuer, Gift
In nie gestilltem Streite,
Wir retteten die Gottesschrift,
Sonst alles ward zur Beute.
Drum heben wir sie freudig auf,
Wir dürfen kühn sie zeigen,
Sie ist gekauft um hohen Kauf,
Um hohen Kauf uns eigen.
Die Kämpfer ruh’n, doch würden sie
Je wieder uns erreichen,
Sie sollen’s finden, daß wir nie
Von unsern Fahnen weichen.
„Hagbaha“ (hebräisch): das Emporheben der Thorarolle am Schlusse
der Vorlesung.
März 2006
Heinrich Heine (1797-1856)
Der tausendjährige Schmerz
Brich aus in lauten Klagen,
Du düstres Märtyrerlied,
Das ich so lang’ getragen
Im flammenstillen Gemüt!
Es dringt in alle Ohren,
Und durch die Ohren ins Herz;
Ich habe gewaltig beschworen
Den tausendjährigen Schmerz.
Es weinen die Großen und Kleinen,
Sogar die kalten Herrn,
Die Frauen und Blumen weinen,
Es weinen am Himmel die Stern’.
Und alle die Tränen fließen
Nach Süden im stillen Verein,
Sie fließen und ergießen
Sich all’ in den Jordan hinein.
Februar 2006
Adalbert von Chamisso (1781-1838)
Die Sonne bringt es an den
Tag
Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den
Tag.
Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt:
»Du bringst es doch
nicht an den Tag.«
»Wer nicht? was nicht?« die Frau fragt gleich,
»Was stierst du so an? was wirst du so bleich?«
Und er darauf: »Sei still, nur still;
Ich's doch nicht sagen kann, noch will.
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.«
Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort,
Sie fragt und plagt ihn fort und fort:
»Was bringt die Sonne nicht an den Tag?«
»Nein, nimmermehr!« - »Du sagst es mir noch.«
»Ich sag es nicht.« - »Du sagst es mir doch.«
-
Da ward zuletzt er müd und schwach,
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den
Tag.
»Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar,
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh',
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer:
Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not;
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Und er: Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!
Ich glaubt ihm nicht, und fiel ihn an;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
So rücklings lag er blutend da,
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr:
Die Sonne bringt es an den
Tag.
Ich macht ihn schnell noch vollends stumm,
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit;
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich müht und sich erbost, -
Du, schau nicht hin, und sei getrost:
Sie bringt es doch nicht
an den Tag.«
So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt.
-
Nun bringt's die Sonne an
den Tag.
Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den
Tag.
Januar 2006
Gottfried Keller (1819-1890)
Die öffentlichen Verleumder
Ein Ungeziefer ruht
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche tut.
Ein Regen, Windeshauch
Erweckt das schlimme Leben,
Und aus dem Nichts erheben
Sich Seuche, Glut und Rauch.
Aus dunkler Höhle fährt
Ein Schächer, um zu schweifen,
Nach Beuteln möcht’ er greifen
Und findet bessern Wert:
Er findet einen Streit
Um nichts, ein irres Wissen,
Ein Banner, das zerrissen,
Ein Volk in Blödigkeit.
Er findet, wo er geht,
Die Leere dürft’ger Zeiten,
Da kann er schamlos schreiten,
Nun wird er ein Prophet;
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.
Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in eine Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht
Mit seiner Helfer Zahl,
Die hoch und niedrig stehend,
Gelegenheit erspähend,
Sich bieten seiner Wahl.
Sie teilen aus sein Wort,
Wie einst die Gottesboten
Getan mit den fünf Broten,
Das klecket fort und fort!
Erst log allein der Hund,
Nun lügen über tausend;
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.
Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofeltat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!
Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod
Und einen Strohmann baun
Die Kinder auf der Heide
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Grau’n.
Dezember 2005
Martina Janssen (1971)
Zion relectured1
(Veröffentlichung mit freundlicher
Genehmigung der Autorin)
„Rauch bist du, meine Tochter,
Rauch bist du,
deine Augen sind Nebel.
Dreh dich um, Nebel-Tochter,
Dreh dich um, dreh dich um,
daß du mich siehst.“
„Nebel bist du, DU,
fern
und dein Name ist Rauch.
Ich lief dir nach, und ich sank zu Boden.
Ich suchte dich, und ich wurde blind.
Ich rief dich, und du gabst keine Antwort.“
„In das Erstarren tanz, erhebe dich,
in das Verstummen spiel, werde licht,
stimm an zu neuem Lied,
Nebel-Tochter Sulamith.“
1) Vgl. Hld 1,15-16; 7,1; 1,15-16; 5,6;
Jes 60,1.
November 2005
Edwin Bormann 1851-1912)
Kinderscene (1893)
Morgen zum Geburtstagsfeste
Lädt sich Käthchen kleine Gäste:
Anni Hoffmann, Suse Beyer,
Minchen Walther, Doris Schreier,
Evchen Müller, Elsa Strauch –
„Kommt den das Rebekkchen auch?“ –
„Was, Rebekka Silberstein?!
Juden lad´ ich niemals ein.
Gabst du in der Schul´ nicht Acht,
Daß sie Jesum todt gemacht?“ –
„Unser Lehrer meint das, ja;
Doch es sagt mir die Mama
(Und die weiß doch vielerlei):
Silberstein´s war´n nicht
dabei!“
Schlichte Kinderseele du,
All mein Herz es lacht dir zu.
Besser wär´s um sie bestellt,
Zöge siegreich durch die Welt
Deine Friedensmelodei:
„Silberstein´s war´n nicht
dabei!“
Oktober 2005
Julius Stettenheim (1831-1916)
Im Concert (1893)
Du bist wie eine Blume, -
Ein wundervoller Text,
Das ist das Lied der Lieder,
Das hat mich schier behext!
Ich finde auf dem Programme
Des Dichters Namen nicht,
Es ist gewiß von Goethe,
So deutsch, so tief, so schlicht.
„Das Liedchen ist von Heine.“
Ein Jude machte das Lied?
Jetzt find’ ich’s ganz abscheulich,
Ich bin Antisemit.
September 2005
Theodor Fontane (1819-1898)
An meinem Fünfundsiebzigsten
(Prähistorischer Adel)
Hundert Briefe sind angekommen,
Ich war vor Freude wie benommen,
Nur etwas verwundert über die Namen
Und über die Plätze, woher sie
kamen.
Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen:
Du bist der Mann der „Wanderungen“,
Du bist der Mann der märk´schen
Gedichte,
Du bist der Mann der märk´schen
Geschichte,
Du bist der Mann des alten Fritzen
Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen,
Einige plaudernd, andere stumm,
Erst in Sanssouci, dann in Elysium;
Du bist der Mann der Jagow und Lochow,
Der Stechow und Bredow, der Quitzow und
Rochow,
Du kanntest keine größeren
Meriten
Als die von Schwerin und vom alten Zieten,
Du fandest in der Welt nichts so zu rühmen
Als Oppen und Groeben und Kracht und Thümen;
An der Schlachten und meiner Begeisterung
Spitze
Marschierten die Pfuels und Itzenplitze,
Marschierten aus Uckermark, Havelland,
Barnim
Die Ribbecks und Kattes, die Bülow
und Arnim,
Marschierten die Treskows und Schlieffen
und Schlieben –
Und über alle hab´ ich geschrieben.
Aber die zum Jubeltag kamen,
Das waren doch sehr, sehr andre Namen,
Auch „sans peur et reproche“, ohne Furcht
und Tadel,
Aber fast schon von prähistorischem
Adel:
Die auf „berg“ und auf „heim“ sind gar
nicht zu fassen,
Sie stürmen ein in ganzen Massen,
Meyers kommen in Bataillonen,
Auch Pollacks und die noch östlicher
wohnen;
Abram, Isack, Israel,
Alle Patriarchen sind zur Stell,
Stellen mich freundlich an ihre Spitze,
Was sollen mir da noch die Itzenplitze!
Jedem bin ich was gewesen,
Alle haben sie mich gelesen,
Alle kannten mich lange schon,
Und das ist die Hauptsache... „Kommen
Sie, Cohn!“
August 2005
Johann Peter Hebel (1760-1826)
Wie heißt des Kaisers
Töchterlein?
Ratet aus, ratet ein!
Wie heißt des Kaisers Töchterlein?
Wie heißt das grausame Mädchen?
Einst spann es am blutigen Rädchen,
Einst schürt’ es hell die Flammen
an
Zum Menschenbraten lobesan;
Dann zeichnet es rote Stickerei
Auf Judenhaut zu guter Frist;
Anjetzt es eine alte Jungfer ist,
Und doch sind ihm noch Männer treu.
(Antwort: Constitutio Criminalis Carolina;
Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532)
Juli 2005
Heinrich Heine (1797-1856)
An Edom!
Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme,
Daß du rasest, dulde Ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.
Juni 2005
Ada Christen 1844-1901
Ein Jude
Das kleine Mützlein
In den Nacken gerückt,
Die alten Schuhe
Bestaubt und geflickt,
Das morsche Gewand
Beschmutzt und zerknittert,
Sein gelbes Gesicht
Durchfurcht und verwittert,
Die weißen Locken
Zerrüttet und wild,
Die klugen Augen
Versöhnungsmild.....
Nur um den Mund
Ein lächelnder Zug,
Klagt wie viel Schmach
Der Greis einst trug -
Wie ängstlich lächelnd
Und zitternd er
Sein Haupt gebeugt
Vor Knecht und Herr -
- - - -
Es wurde Licht! -
Er wurde frei -
Der Fluch und die Schmach
Sie zogen vorbei
Von seinem Elend
Blieb ihm nur
Des Sclavenlächelns
Tiefe Spur.
Mai 2005
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Das Korn auf dem Dache
Der Frühling ist gekommen,
Doch war der Winter scharf
Und hat mit weggenommen
Den nöthigsten Bedarf;
Die Pflüge bleiben stehen,
Es fehlt ja an der Saat,
Und muß auch was geschehen,
So weiß doch Keiner Rath.
Da hinkt ein alter Jude
In weißem Bart durch's Dorf,
Der kroch aus seiner Bude
Um etwas Sprock und Torf.
Er weilt bei jedem Schober
Und späht und bückt sich oft,
Und voll ist ihm der Kober,
Bevor er's noch gehofft.
Die Arbeit ward ihm sauer,
Nun will er denn nach Haus,
Da tritt ein müß'ger Bauer
Aus seiner Thür heraus.
Der ruft: Du hast dir Feu'rung
Gesammelt aus dem Mist,
So sag' auch, ob der Theurung
Nicht noch zu wehren ist.
Der Alte hebt die Blicke,
Doch bis zum Himmel nicht,
Dann tickt er mit der Krücke
Auf's Hüttendach, und spricht:
»War das nicht eine Aehre,
Was ich im Stroh dort sah?
Wenn's nicht die einz'ge wäre,
So ist die Hülfe nah'!«
Der Bauer geht zur Leiter
Und deckt die Hütte ab,
Er drischt sein Stroh noch weiter,
Im lust'gen Klipp und Klapp,
Und als die Körner springen,
Da folgt ihm Mann für Mann,
Und das wird so viel bringen,
Daß Jeder säen kann.
April 2005
Klabund (Pseud. für
Alfred Henschke; 1890 - 1928)
Pogrom
Am Sonntag fällt ein kleines Wort
im Dom,
Am Montag rollt es wachsend durch die
Gasse,
Am Dienstag spricht man schon vom Rassenhasse,
Am Mittwoch rauscht und raschelt es: Pogrom!
Am Donnerstag weiß man es ganz bestimmt:
Die Juden sind an Rußlands Elend
schuldig!
Wir waren nur bis dato zu geduldig.
(Worauf man einige Schlucke Wodka nimmt...)
Der Freitag bringt die rituelle Leiche,
Man stößt den Juden Flüche
in die Rippen
Mit festen Messern, daß sie rückwärts
kippen.
Die Frauen wirft man in diverse Teiche.
Am Samstag liest man in der »guten«
Presse:
Die kleine Rauferei sei schon behoben,
Man müsse Gott und die Regierung
loben...
(Denn andernfalls kriegt man eins in die
Fresse.)
März 2005
Friederike Kempner (1836
– 1904)
Die Judenkirsche.
(Physallis Alkekengi)
Ein kleines, ernstes Bäumchen
Streckt seine Zweige aus,
Es ließ nicht gern sich essen,
Und Haß war drum sein Los!
Hellrot sind seine Früchte,
Die Blüten weiß wie Schnee,
Es zeuget die Geschichte
Von Bäumchens Schmerzensweh!
Februar 2005
Hugo Salus (1866 – 1929)
Der Heimatlose
Was wißt ihr, die ihr Heimat habt,
Vom Heimatwunsch des Heimatlosen!
Mag euch der Schicksalssturm umtosen,
Ach, ihr seid reich und seid begabt!
So arm ihr sein mögt, seid voll Mut,
Kehrt heimwärts, ihr pocht nie vergebens
Am Heimatstor: im Boden ruht
Dort fest der Anker eures Lebens.
Nicht dort ist Heimat, wo in Wehn
Die Mutter euch ins Leben setzte,
Dort, wo als Fluchtstatt noch, als letzte,
Der Kindheitsträume Burgen stehn,
Wo ihr noch Kinder durftet sein,
Eh´ daß ihr mußtet Menschen
werden!
Doch weh dem Elenden, dem Haß
Schon seinen Kindheitswahn zerstörte,
Dem nicht ein Häufchen Sand gehörte:
Des Nachbars Kind mißgönnt
ihm das!
Der durch sein Blut, der Mutter Wort
Ein andrer schien ringsum den andern,
Ihn stößt die Heimat grausam
fort,
Und seine Heimat liegt im Wandern.
Mein Kind, mein Ruh, ich beuge mich
In banger Liebe auf dich nieder;
Dir schließt der Frieden noch die
Lider,
Und traumlos schaust du noch um dich.
Doch bald erwachst auch du zum Traum
Und sollst dir deine Heimat gründen:
Dann mögen deine Füßchen
Raum
Für ihre Kinderheimat finden.
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