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Projekt: Anthologie
Deutsche Gedichte wider Judenhass und
Antisemitismus
Einzelne Texte sende ich auf Anfrage gerne
zu (als Email-Datei). Über Hinweise auf wenig bekannte Lyrik zum Thema
freue ich mich.
Für Interpretationen und Besprechungen
von Gedichten steht das Diskussionsforum zur Verfügung. Aus Copyright-Gründen
muss auf die Internetveröffentlichung der meisten Gedichte verzichtet
werden.
Gedicht des Monats
März 2010
Rudolf Elcho (1839-1923)
An jeden Hetzprediger (1893)
Als Antisemit stehst du eingeschrieben
Und bist doch in Wahrheit ein Antichrist.
Dein Meister gebot dir, den Nächsten zu lieben,
Doch du lehrst, daß hassen verdienstlich ist.
Februar 2010
Heinrich Heine (1797-1856)
Doña Clara
In dem abendlichen
Garten
Wandelt des Alkaden
Tochter;
Pauken- und Drommetenjubel
Klingt herunter von
dem Schlosse.
›Lästig werden
mir die Tänze
Und die süßen
Schmeichelworte,
Und die Ritter,
die so zierlich
Mich vergleichen
mit der Sonne.
Überlästig
wird mir alles,
Seit ich
sah, beim Strahl des Mondes
Jenen
Ritter, dessen Laute
Nächtens
mich ans Fenster lockte.
Wie er
stand so schlank und mutig,
Und die
Augen leuchtend schossen
Aus dem
edelblassen Antlitz,
Glich
er wahrlich Sankt Georgen.‹
Also dachte
Doña Clara,
Und sie
schaute auf den Boden;
Wie sie
aufblickt, steht der schöne,
Unbekannte
Ritter vor ihr.
Händedrückend,
liebeflüsternd
Wandeln
sie umher im Mondschein.
Und der
Zephir schmeichelt freundlich,
Märchenartig
grüßen Rosen.
Märchenartig
grüßen Rosen,
Und sie
glühn wie Liebesboten. -
»Aber
sage mir, Geliebte,
Warum du so plötzlich rot wirst?«
»Mücken stachen mich, Geliebter,
Und die Mücken sind, im Sommer,
Mir so tief verhaßt, als wären's
Langenas'ge Judenrotten.«
»Laß die Mücken und die Juden«,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
Von den Mandelbäumen fallen
Tausend weiße Blütenflocken.
Tausend weiße Blütenflocken
Haben ihren Duft ergossen. -
»Aber sage mir, Geliebte,
Ist dein Herz mir ganz gewogen?«
»Ja, ich liebe dich, Geliebter,
Bei dem Heiland sei's geschworen,
Den die gottverfluchten Juden
Boshaft tückisch einst ermordet.«
»Laß den Heiland und die Juden«,
Spricht der Ritter, freundlich kosend.
In der Ferne schwanken traumhaft
Weiße Lilien, lichtumflossen.
Weiße
Lilien, lichtumflossen,
Blicken
nach den Sternen droben. -
»Aber
sage mir, Geliebte,
Hast du
auch nicht falsch geschworen?«
»Falsch
ist nicht in mir, Geliebter,
Wie in
meiner Brust kein Tropfen
Blut ist
von dem Blut der Mohren
Und des
schmutz'gen Judenvolkes.«
»Laß
die Mohren und die Juden«,
Spricht
der Ritter, freundlich kosend;
Und nach
einer Myrtenlaube
Führt
er die Alkadentochter.
Mit den
weichen Liebesnetzen
Hat er
heimlich sie umflochten;
Kurze
Worte, lange Küsse,
Und die
Herzen überflossen.
Wie ein
schmelzend süßes Brautlied
Singt
die Nachtigall, die holde;
Wie zum
Fackeltanze hüpfen
Feuerwürmchen
auf dem Boden.
In der
Laube wird es stiller,
Und man
hört nur, wie verstohlen,
Das Geflüster
kluger Myrten
Und der
Blumen Atemholen.
Aber Pauken
und Drommeten
Schallen
plötzlich aus dem Schlosse,
Und erwachend
hat sich Clara
Aus des
Ritters Arm gezogen.
»Horch!
da ruft es mich, Geliebter;
Doch, bevor wir scheiden, sollst du
Nennen deinen lieben Namen,
Den du mir so lang verborgen.«
Und der Ritter, heiter lächelnd,
Küßt die Finger seiner Doña,
Küßt die Lippen und die Stirne,
Und er spricht zuletzt die Worte:
»Ich,
Señora, Eu'r Geliebter,
Bin der Sohn des vielbelobten,
Großen, schriftgelehrten Rabbi
Israel von Saragossa.«
Januar 2010
Adolf Baginsky (1843-1918)
Nimmer vermöchte des Pöbels
Hep-Hep-Geschrei mich zu schrecken,
Mitleid nur mit dem Schreier
Könnte sein Wahn mir erwecken.
Härter trifft den Erzogenen
Gehässiges Trachten und Denken,
Welches den Sinn uns verbitternd
Vom Wohlthun zur Härte will lenken.
Immer aber beklag´ ich
Das antisemitische Treiben,
Weil mit der Schande der Schaden
Dem bethörten Volke wird bleiben.
Dezember 2009
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Der Jude an den Christen
Ich sank zu deinen Füßen bleich und blutend,
Ich zeigte stumm auf die Vergangenheit;
Ich rief, im Sterben selbst mich noch ermutend:
Sei du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit!
Du standest still vor mir, mich ernst betrachtend,
Dein Blick, umwölkt zwar, schien doch mitleidsvoll,
So daß mein Herz, bisher verzweifelnd schmachtend,
Zum erstenmal von sanfter Hoffnung schwoll.
Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden,
Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört,
Du fandest schaudernd alle unverbunden
Und wandtest dich, im Innersten empört.
Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen,
Daß mich kein Mensch mehr Bruder nennen kann,
Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen;
Dann wiederholst du streng den alten Bann.
O, zerr es nur aus dunklem Tabernakel
Hervor, mein Bild, zerrissen und entstellt;
O, stell es nur mit jedem seiner Makel
Im Glanz der Sonne auf vor aller Welt!
Was war in eurer Märt’rer Leib zu lesen,
Wenn man zerfetzt hervor sie stieß an Licht?
Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen –
Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht!
November 2009
Gabriel Riesser (1806-1863)
Die Thora
(„Hagbaha“)
Dies ist die Thora, dies das Wort,
Das Gott uns hat gegeben,
Daß wir’s bewahren fort und fort
Und tragen durch das Leben.
Dies ist das himmlische Panier,
Um das wir mutig stritten,
Und tausend Tode haben wir
Um dies Panier gelitten.
Gott, unser König, Gott der Macht!
Du gabst es unsern Ahnen,
Verloren haben wir die Schlacht,
Doch hier sind unsere Fahnen.
Wohl mancher ward, in sie gehüllt,
Den Flammen übergeben,
Wohl mancher ließ auf diesem Schild
Durchbohrt sein tapf’res Leben.
Der Feind schoß Pfeile, Feuer, Gift
In nie gestilltem Streite,
Wir retteten die Gottesschrift,
Sonst alles ward zur Beute.
Drum heben wir sie freudig auf,
Wir dürfen kühn sie zeigen,
Sie ist gekauft um hohen Kauf,
Um hohen Kauf uns eigen.
Die Kämpfer ruh’n, doch würden sie
Je wieder uns erreichen,
Sie sollen’s finden, daß wir nie
Von unsern Fahnen weichen.
„Hagbaha“ (hebräisch): das Emporheben der Thorarolle am Schlusse
der Vorlesung.
Oktober 2009
Heinrich Heine (1797-1856)
Der tausendjährige Schmerz
Brich aus in lauten Klagen,
Du düstres Märtyrerlied,
Das ich so lang’ getragen
Im flammenstillen Gemüt!
Es dringt in alle Ohren,
Und durch die Ohren ins Herz;
Ich habe gewaltig beschworen
Den tausendjährigen Schmerz.
Es weinen die Großen und Kleinen,
Sogar die kalten Herrn,
Die Frauen und Blumen weinen,
Es weinen am Himmel die Stern’.
Und alle die Tränen fließen
Nach Süden im stillen Verein,
Sie fließen und ergießen
Sich all’ in den Jordan hinein.
September 2009
Adalbert von Chamisso (1781-1838)
Die Sonne bringt es an den
Tag
Gemächlich in der Werkstatt saß
Zum Frühtrunk Meister Nikolas,
Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,
Es war im heitern Sonnenschein. -
Die Sonne bringt es an den
Tag.
Die Sonne blinkt von der Schale Rand,
Malt zitternde Kringeln an die Wand,
Und wie den Schein er ins Auge faßt,
So spricht er für sich, indem er erblaßt:
»Du bringst es doch
nicht an den Tag.«
»Wer nicht? was nicht?« die Frau fragt gleich,
»Was stierst du so an? was wirst du so bleich?«
Und er darauf: »Sei still, nur still;
Ich's doch nicht sagen kann, noch will.
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.«
Die Frau nur dringender forscht und fragt,
Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,
Mit süßem und mit bitterm Wort,
Sie fragt und plagt ihn fort und fort:
»Was bringt die Sonne nicht an den Tag?«
»Nein, nimmermehr!« - »Du sagst es mir noch.«
»Ich sag es nicht.« - »Du sagst es mir doch.«
-
Da ward zuletzt er müd und schwach,
Und gab der Ungestümen nach. -
Die Sonne bringt es an den
Tag.
»Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,
Da traf es mich einst gar sonderbar,
Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh',
War hungrig und durstig und zornig dazu. -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Da kam mir just ein Jud in die Quer,
Ringsher war's still und menschenleer:
Du hilfst mir, Hund, aus meiner Not;
Den Beutel her, sonst schlag ich dich tot!
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Und er: Vergieße nicht mein Blut,
Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!
Ich glaubt ihm nicht, und fiel ihn an;
Er war ein alter, schwacher Mann -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
So rücklings lag er blutend da,
Sein brechendes Aug in die Sonne sah;
Noch hob er zuckend die Hand empor,
Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr:
Die Sonne bringt es an den
Tag.
Ich macht ihn schnell noch vollends stumm,
Und kehrt ihm die Taschen um und um:
Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.
Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld -
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Dann zog ich weit und weiter hinaus,
Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. -
Du weißt nun meine Heimlichkeit,
So halte den Mund und sei gescheit;
Die Sonne bringt's nicht
an den Tag.
Wann aber sie so flimmernd scheint,
Ich merk es wohl, was sie da meint,
Wie sie sich müht und sich erbost, -
Du, schau nicht hin, und sei getrost:
Sie bringt es doch nicht
an den Tag.«
So hatte die Sonn eine Zunge nun,
Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. -
Gevatterin, um Jesus Christ!
Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt.
-
Nun bringt's die Sonne an
den Tag.
Die Raben ziehen krächzend zumal
Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.
Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?
Was hat er getan? wie ward es kund?
Die Sonne bracht es an den
Tag.
August 2009
Gottfried Keller (1819-1890)
Die öffentlichen Verleumder
Ein Ungeziefer ruht
In Staub und trocknem Schlamme
Verborgen, wie die Flamme
In leichter Asche tut.
Ein Regen, Windeshauch
Erweckt das schlimme Leben,
Und aus dem Nichts erheben
Sich Seuche, Glut und Rauch.
Aus dunkler Höhle fährt
Ein Schächer, um zu schweifen,
Nach Beuteln möcht’ er greifen
Und findet bessern Wert:
Er findet einen Streit
Um nichts, ein irres Wissen,
Ein Banner, das zerrissen,
Ein Volk in Blödigkeit.
Er findet, wo er geht,
Die Leere dürft’ger Zeiten,
Da kann er schamlos schreiten,
Nun wird er ein Prophet;
Auf einen Kehricht stellt
Er seine Schelmenfüße
Und zischelt seine Grüße
In die verblüffte Welt.
Gehüllt in Niedertracht
Gleichwie in eine Wolke,
Ein Lügner vor dem Volke,
Ragt bald er groß an Macht
Mit seiner Helfer Zahl,
Die hoch und niedrig stehend,
Gelegenheit erspähend,
Sich bieten seiner Wahl.
Sie teilen aus sein Wort,
Wie einst die Gottesboten
Getan mit den fünf Broten,
Das klecket fort und fort!
Erst log allein der Hund,
Nun lügen über tausend;
Und wie ein Sturm erbrausend,
So wuchert jetzt sein Pfund.
Hoch schießt empor die Saat,
Verwandelt sind die Lande,
Die Menge lebt in Schande
Und lacht der Schofeltat!
Jetzt hat sich auch erwahrt,
Was erstlich war erfunden:
Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart!
Wenn einstmals diese Not
Lang wie ein Eis gebrochen,
Dann wird davon gesprochen,
Wie von dem schwarzen Tod
Und einen Strohmann baun
Die Kinder auf der Heide
Zu brennen Lust aus Leide
Und Licht aus altem Grau’n.
Juli 2009
Martina Janssen (1971)
Zion relectured1
(Veröffentlichung mit freundlicher
Genehmigung der Autorin)
„Rauch bist du, meine Tochter,
Rauch bist du,
deine Augen sind Nebel.
Dreh dich um, Nebel-Tochter,
Dreh dich um, dreh dich um,
daß du mich siehst.“
„Nebel bist du, DU,
fern
und dein Name ist Rauch.
Ich lief dir nach, und ich sank zu Boden.
Ich suchte dich, und ich wurde blind.
Ich rief dich, und du gabst keine Antwort.“
„In das Erstarren tanz, erhebe dich,
in das Verstummen spiel, werde licht,
stimm an zu neuem Lied,
Nebel-Tochter Sulamith.“
1) Vgl. Hld 1,15-16; 7,1; 1,15-16; 5,6;
Jes 60,1.
Juni 2009
Edwin Bormann 1851-1912)
Kinderscene (1893)
Morgen zum Geburtstagsfeste
Lädt sich Käthchen kleine Gäste:
Anni Hoffmann, Suse Beyer,
Minchen Walther, Doris Schreier,
Evchen Müller, Elsa Strauch –
„Kommt den das Rebekkchen auch?“ –
„Was, Rebekka Silberstein?!
Juden lad´ ich niemals ein.
Gabst du in der Schul´ nicht Acht,
Daß sie Jesum todt gemacht?“ –
„Unser Lehrer meint das, ja;
Doch es sagt mir die Mama
(Und die weiß doch vielerlei):
Silberstein´s war´n nicht
dabei!“
Schlichte Kinderseele du,
All mein Herz es lacht dir zu.
Besser wär´s um sie bestellt,
Zöge siegreich durch die Welt
Deine Friedensmelodei:
„Silberstein´s war´n nicht
dabei!“
Mai 2009
Julius Stettenheim (1831-1916)
Im Concert (1893)
Du bist wie eine Blume, -
Ein wundervoller Text,
Das ist das Lied der Lieder,
Das hat mich schier behext!
Ich finde auf dem Programme
Des Dichters Namen nicht,
Es ist gewiß von Goethe,
So deutsch, so tief, so schlicht.
„Das Liedchen ist von Heine.“
Ein Jude machte das Lied?
Jetzt find’ ich’s ganz abscheulich,
Ich bin Antisemit.
April 2009
Theodor Fontane (1819-1898)
An meinem Fünfundsiebzigsten
(Prähistorischer Adel)
Hundert Briefe sind angekommen,
Ich war vor Freude wie benommen,
Nur etwas verwundert über die Namen
Und über die Plätze, woher sie
kamen.
Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen:
Du bist der Mann der „Wanderungen“,
Du bist der Mann der märk´schen
Gedichte,
Du bist der Mann der märk´schen
Geschichte,
Du bist der Mann des alten Fritzen
Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen,
Einige plaudernd, andere stumm,
Erst in Sanssouci, dann in Elysium;
Du bist der Mann der Jagow und Lochow,
Der Stechow und Bredow, der Quitzow und
Rochow,
Du kanntest keine größeren
Meriten
Als die von Schwerin und vom alten Zieten,
Du fandest in der Welt nichts so zu rühmen
Als Oppen und Groeben und Kracht und Thümen;
An der Schlachten und meiner Begeisterung
Spitze
Marschierten die Pfuels und Itzenplitze,
Marschierten aus Uckermark, Havelland,
Barnim
Die Ribbecks und Kattes, die Bülow
und Arnim,
Marschierten die Treskows und Schlieffen
und Schlieben –
Und über alle hab´ ich geschrieben.
Aber die zum Jubeltag kamen,
Das waren doch sehr, sehr andre Namen,
Auch „sans peur et reproche“, ohne Furcht
und Tadel,
Aber fast schon von prähistorischem
Adel:
Die auf „berg“ und auf „heim“ sind gar
nicht zu fassen,
Sie stürmen ein in ganzen Massen,
Meyers kommen in Bataillonen,
Auch Pollacks und die noch östlicher
wohnen;
Abram, Isack, Israel,
Alle Patriarchen sind zur Stell,
Stellen mich freundlich an ihre Spitze,
Was sollen mir da noch die Itzenplitze!
Jedem bin ich was gewesen,
Alle haben sie mich gelesen,
Alle kannten mich lange schon,
Und das ist die Hauptsache... „Kommen
Sie, Cohn!“
März 2009
Johann Peter Hebel (1760-1826)
Wie heißt des Kaisers
Töchterlein?
Ratet aus, ratet ein!
Wie heißt des Kaisers Töchterlein?
Wie heißt das grausame Mädchen?
Einst spann es am blutigen Rädchen,
Einst schürt’ es hell die Flammen
an
Zum Menschenbraten lobesan;
Dann zeichnet es rote Stickerei
Auf Judenhaut zu guter Frist;
Anjetzt es eine alte Jungfer ist,
Und doch sind ihm noch Männer treu.
(Antwort: Constitutio Criminalis Carolina;
Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls
V. von 1532)
Februar 2009
Heinrich Heine (1797-1856)
An Edom!
Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme,
Daß du rasest, dulde Ich.
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.
Januar 2009
Ada Christen 1844-1901
Ein Jude
Das kleine Mützlein
In den Nacken gerückt,
Die alten Schuhe
Bestaubt und geflickt,
Das morsche Gewand
Beschmutzt und zerknittert,
Sein gelbes Gesicht
Durchfurcht und verwittert,
Die weißen Locken
Zerrüttet und wild,
Die klugen Augen
Versöhnungsmild.....
Nur um den Mund
Ein lächelnder Zug,
Klagt wie viel Schmach
Der Greis einst trug -
Wie ängstlich lächelnd
Und zitternd er
Sein Haupt gebeugt
Vor Knecht und Herr -
- - - -
Es wurde Licht! -
Er wurde frei -
Der Fluch und die Schmach
Sie zogen vorbei
Von seinem Elend
Blieb ihm nur
Des Sclavenlächelns
Tiefe Spur.
Dezember 2008
Friedrich Hebbel (1813-1863)
Das Korn auf dem Dache
Der Frühling ist gekommen,
Doch war der Winter scharf
Und hat mit weggenommen
Den nöthigsten Bedarf;
Die Pflüge bleiben stehen,
Es fehlt ja an der Saat,
Und muß auch was geschehen,
So weiß doch Keiner Rath.
Da hinkt ein alter Jude
In weißem Bart durch's Dorf,
Der kroch aus seiner Bude
Um etwas Sprock und Torf.
Er weilt bei jedem Schober
Und späht und bückt sich oft,
Und voll ist ihm der Kober,
Bevor er's noch gehofft.
Die Arbeit ward ihm sauer,
Nun will er denn nach Haus,
Da tritt ein müß'ger Bauer
Aus seiner Thür heraus.
Der ruft: Du hast dir Feu'rung
Gesammelt aus dem Mist,
So sag' auch, ob der Theurung
Nicht noch zu wehren ist.
Der Alte hebt die Blicke,
Doch bis zum Himmel nicht,
Dann tickt er mit der Krücke
Auf's Hüttendach, und spricht:
»War das nicht eine Aehre,
Was ich im Stroh dort sah?
Wenn's nicht die einz'ge wäre,
So ist die Hülfe nah'!«
Der Bauer geht zur Leiter
Und deckt die Hütte ab,
Er drischt sein Stroh noch weiter,
Im lust'gen Klipp und Klapp,
Und als die Körner springen,
Da folgt ihm Mann für Mann,
Und das wird so viel bringen,
Daß Jeder säen kann.
November 2008
Klabund (Pseud. für
Alfred Henschke; 1890 - 1928)
Pogrom
Am Sonntag fällt ein kleines Wort
im Dom,
Am Montag rollt es wachsend durch die
Gasse,
Am Dienstag spricht man schon vom Rassenhasse,
Am Mittwoch rauscht und raschelt es: Pogrom!
Am Donnerstag weiß man es ganz bestimmt:
Die Juden sind an Rußlands Elend
schuldig!
Wir waren nur bis dato zu geduldig.
(Worauf man einige Schlucke Wodka nimmt...)
Der Freitag bringt die rituelle Leiche,
Man stößt den Juden Flüche
in die Rippen
Mit festen Messern, daß sie rückwärts
kippen.
Die Frauen wirft man in diverse Teiche.
Am Samstag liest man in der »guten«
Presse:
Die kleine Rauferei sei schon behoben,
Man müsse Gott und die Regierung
loben...
(Denn andernfalls kriegt man eins in die
Fresse.)
Oktober 2008
Friederike Kempner (1836
– 1904)
Die Judenkirsche.
(Physallis Alkekengi)
Ein kleines, ernstes Bäumchen
Streckt seine Zweige aus,
Es ließ nicht gern sich essen,
Und Haß war drum sein Los!
Hellrot sind seine Früchte,
Die Blüten weiß wie Schnee,
Es zeuget die Geschichte
Von Bäumchens Schmerzensweh!
September 2008
Hugo Salus (1866 – 1929)
Der Heimatlose
Was wißt ihr, die ihr Heimat habt,
Vom Heimatwunsch des Heimatlosen!
Mag euch der Schicksalssturm umtosen,
Ach, ihr seid reich und seid begabt!
So arm ihr sein mögt, seid voll Mut,
Kehrt heimwärts, ihr pocht nie vergebens
Am Heimatstor: im Boden ruht
Dort fest der Anker eures Lebens.
Nicht dort ist Heimat, wo in Wehn
Die Mutter euch ins Leben setzte,
Dort, wo als Fluchtstatt noch, als letzte,
Der Kindheitsträume Burgen stehn,
Wo ihr noch Kinder durftet sein,
Eh´ daß ihr mußtet Menschen
werden!
Doch weh dem Elenden, dem Haß
Schon seinen Kindheitswahn zerstörte,
Dem nicht ein Häufchen Sand gehörte:
Des Nachbars Kind mißgönnt
ihm das!
Der durch sein Blut, der Mutter Wort
Ein andrer schien ringsum den andern,
Ihn stößt die Heimat grausam
fort,
Und seine Heimat liegt im Wandern.
Mein Kind, mein Ruh, ich beuge mich
In banger Liebe auf dich nieder;
Dir schließt der Frieden noch die
Lider,
Und traumlos schaust du noch um dich.
Doch bald erwachst auch du zum Traum
Und sollst dir deine Heimat gründen:
Dann mögen deine Füßchen
Raum
Für ihre Kinderheimat finden.
August 2008
Adalbert von Chamisso (1781-1838)
Abba Glosk Leczeka
Es schallen gut im Liede der Purpur und
das Schwert,
Doch hüllt sich oft in Lumpen, der
auch ist preisenswert;
Ich führ euch einen Juden und Bettler
heute vor,
Den Abba Glosk Leczeka, verschließt
ihm nicht das Ohr.
Er harrte vor der Türe von Moses Mendelssohn
Gelassen und geduldig vor Sonnenaufgang
schon;
Wie hoch in Himmelsräumen zu steigen
sie begann,
Trat erst aus seiner Wohnung der weitberühmte
Mann.
Ihn grüßt der fremde Bettler
in polnisch jüd'scher Tracht,
Sein Gruß den Schriftgelehrten dem
andern kenntlich macht,
Er aber geht vorüber: »An Zeit
es mir gebricht!« -
Der Fremde weicht zurücke, doch von
der Schwelle nicht.
Und Mittag ward's und Abend, und als zur
Nacht es ging,
Die Stadt in ihren Straßen die Schatten
schon empfing,
Kam heim zu seinem Herde der weitberühmte
Mann,
Da grüßt' ihn noch der Bettler,
wie morgens er getan.
Er sucht in seiner Börse nach einem
Silberstück,
Ihm hält der fremde Bettler die milde
Hand zurück:
»Das nicht von dir begehr ich, nur
dein lebend'ges Wort,
Mich führt der Durst nach Wahrheit
allein an diesen Ort.« -
»Du scheinst der kleinen Gabe bedürftig
mir zu sein.« -
»Du hältst mich für unwürdig
der größern!« - »Tritt herein!
Suchst redlich du die Wahrheit, die vielen
so verhaßt,
So sei dem Gleichgesinnten ein liebgehegter
Gast.«
Beim wogenden Gespräche, beim häuslich
trauten Mahl,
Beim Becher edlen Weines, dem flüss'gen
Sonnenstrahl,
Erblüht dem fremden Bettler die Rede
wunderbar,
Ein Gläub'ger und ein Denker, wie
nie noch einer war.
Er hat des Wortes Fessel gesprengt mit
Geistes-Kraft,
Er hängt am Guten, Wahren so recht
mit Leidenschaft,
Er sprühet Lichtgedanken so machtvoll
vor sich hin,
So eignen Reiz verleiht ihm sein heitrer
froher Sinn.
Und ob des seltnen Mannes verwundert und
erfreut,
Der seine Neigung fesselt und Ehrfurcht
ihm gebeut,
Fragt Mendelssohn ihn traulich: »Wie
haben Schul und Welt
So seltsam dich erzogen und deinen Geist
erhellt?«
Drauf er: »Du lenkst vom Lichte die
Blicke niederwärts,
Zu forschen nach dem Menschen und schauen
ihm ins Herz;
Ich zeige mich dem Freunde, und meinen
Weg und Ziel,
Und melde, wie die Binde mir von den Augen
fiel.
Mein Forschen und mein Trachten, das bin
ich selbst und ganz;
Minuten so wie diese sind meines Lebens
Glanz;
Ich trage sechzig Jahre noch frisch und
wohlgemut,
Noch schmilzt den Schnee des Alters des
Herzens innre Glut.
Zu Glosk in unsern Schulen bekam ich Unterricht;
Der Talmud und der Talmud! sie wußten
andres nicht;
Verhangen und verfinstert das göttliche
Gebot,
Das leis aus tiefstem Herzen sich doch
mir mahnend bot.
Wie hab ich oft mit Schmerzen die stumme
Mitternacht
Auf ihren toten Büchern verstört
herangewacht;
Wie hätt ich fromm und willig den
Lehrern nur geglaubt,
Und wiegte doch verneinend mein sorgenschweres
Haupt.
Und nun ich sollte lehren, so wie ich selbst
belehrt,
Da hat sich mir die Rede gar wundersam
verkehrt;
Da schalt aus mir die Stimme auf Satzungen
und Trug,
Dem Blitze zu vergleichen, der aus den
Wolken schlug.
Sie haben sich entsetzet, sie haben mich
fortan
Bedrohet und gefährdet und in den
Bann getan;
Ich hatte mich gefunden, ich war, der
ich nun bin,
Ich folgte meiner Sendung mit leichtem,
freud'gem Sinn.
So wallt ich, in der Heimat ein Fremder,
nun hinfort
Verstoßen, fluchbeladen, unstät
von Ort zu Ort,
Und forschte, sprach und lehrte, und trachtete
doch nur,
Das arme Volk zu leiten auf eine beßre
Spur.
Und dreizehn Bücher hatt ich verfaßt
mit allem Fleiß,
Die Bücher, sie enthielten das Beste,
was ich weiß;
Zu Wilna, oh! da waren fast grausam allzusehr
Die Ältesten des Volkes, wie nirgends
anders mehr.
Sie haben meine Bücher zerrissen insgesamt,
Und haben zu den Flammen sie ungehört
verdammt;
Sie schichteten den Holzstoß beim
alten Apfelbaum
Vor ihrer Synagoge im innern Hofesraum.
Da standen in dem Rauche die Alten blöd
und blind,
Den schlug auf sie hernieder ein mächt'ger
Wirbelwind,
Gereinigt schwang die Flamme sich zu dem
höhern Licht;
Den Geist, das Licht, die Sonne vernichten
sie doch nicht.
Ich selbst ich sollte sterben, kaum heimlich
war der Rat;
Doch fand sich ein Rabbiner, der um mein
Leben bat,
Ich wurde bloß gegeißelt,
und als man frei mich gab,
So griff ich heitern Sinnes zu meinem
Wanderstab.
Der freud'ge, rüst'ge Waller zieht
über Berg und Tal,
Ihm scheinet, ihn erwärmet der lieben
Sonne Strahl,
Der Schoß der grünen Erde empfängt
mit rechter Lust
Sein müdes Haupt am Abend, er ruht
an Mutterbrust.
Wer je von seinen Brüdern den Hunger
selber litt,
Teilt ihm vom letzten Brote gern einen
Brocken mit,
Er zieht durch Land und Städte und
rühmt sich reich und frei,
Und weiß von keiner Armut und keiner
Sklaverei.
Vor Sprach- und Stammverwandten entquillt
an jedem Ort
Aus übervollem Herzen ihm das lebend'ge
Wort,
Zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder
Scheu
Den Glauben von dem Wahne, den Weizen
von der Spreu.
Ist Felsen auch der Boden, die Saat verstreue
nur!
Es träufelt auf den Felsen, wie auf
die grüne Flur,
Des Ew'gen milder Regen. Beharrlichkeit!
Geduld!
Du zahlest deinem Schöpfer so deines
Lebens Schuld.
Und herwärts zog mich mächtig
und ahndungsvoll mein Herz,
Von deines Namens Klange gelockt, du reines
Erz;
Du bist, den ich gesuchet, du, der vom
Wahne fern
Zerbricht die hohle Schale und sucht nach
ihrem Kern.
Das will auch ich, so reiche mir deine
liebe Hand,
Wir schaffen hier und knüpfen ein
gottgefällig Band;
Das Licht, das ist das Gute; die Finsternis,
die Nacht,
Das ist das Reich der Sünde und ist
des Bösen Macht.
Dir strömet von den Lippen ein ruhig
klarer Born,
Es leiht gewalt'ge Worte mir oft ein heil'ger
Zorn;
So laß vor unserm Volke zerreißen
uns vereint
Des Aberglaubens Schleier, bis hell der
Tag ihm scheint.
Nicht träge denn, nicht lässig;
die Hand ans Werk gelegt!
Versammle du die Jünger, es tagt,
die Stunde schlägt!
Wir hammern an den Felsen, bis hell der
Stein erklingt,
Und an das Licht der Sprudel lebend'gen
Wassers springt.«
Darauf mit Rührung lächelnd der
Wirt zu seinem Gast:
»Genügt dir nicht, du Guter,
was du erduldet hast?
Soll wiederum sich schichten ein Scheiterhaufen?
kann
Die Geißel nicht dich lehren? du
lehrbegier'ger Mann!
Du forschest nach der Wahrheit; erkenne
doch die Welt,
Die fester als am Glauben am Aberglauben
hält;
Was je gelebt im Geiste, gehört der
Ewigkeit,
Nur ruft es erst ins Leben die allgewalt'ge
Zeit.
Bleib hie und lerne schweigen, wo sprechen
nicht am Ort;
Du magst im Stillen forschen, erwägen
Geist und Wort,
Und magst das Korn der Furche der Zeiten
anvertraun;
Vielleicht wird einst dein Enkel die goldnen
Saaten schaun.«
Drauf er: »Du schweigst, du Kluger,
und schweigen soll mein Mund!
So sprich, wer soll denn reden und tun
die Wahrheit kund?
Du helles Licht des Geistes sollst leuchten
freundlich mir;
Die Hand darauf! - wir scheiden! mein
Pfad, der trennt sich hier.«
Er ging; dem Flammengeiste, dem Flammenherzen
galt
Für Feigheit jede Vorsicht, und freundlich
zürnend schalt
Ihn Mendelssohn vergebens; er ging und
lehrt' und sprach,
Bis über ihn aufs neue das Ungewitter
brach.
Die Ältesten des Volkes entrüstet,
luden ihn
Vor ihre Schranken: »Rede, was machst
du in Berlin?« -
»Ich forsch in dem Gesetze, darüber
sprech ich auch
Mit andern Schriftgelehrten nach hergebrachtem
Brauch.« -
»Du stehst in keinem Dienste? hast
kein Gewerbe?« - »Nein!
Ich kann und will nicht handeln, und mag
nicht dienstbar sein.« -
»Und wir, nach hies'ger Ordnung,
verbieten diese Stadt
Dem ärgerlichen Neurer, der hier
gelästert hat.«
Darauf erhob sich Abba und sprach: »Hartherzigkeit,
Du bist zur Ordnung worden, du herrschest
hier zur Zeit!
Und kennt ihr den Propheten Jeremia denn
nicht,
Der so aus meinem Munde zu euch, ihr Starren,
spricht:
'Die Missetat der Tochter von Sion, unerhört!
Verdunkelt Sodoms Sünde, die doch
mein Grimm zerstört.'
Die Schrift und die Propheten, die les
ich Tag und Nacht,
Und hab auch andre Worte zu eigen mir
gemacht!
'Du sollst dich nicht entsetzen, und sollst,
du Menschenkind,
Vor ihnen dich nicht fürchten, die
mir abtrünnig sind;
Du wohnst bei scharfen Dornen und Skorpionen
dort,
Doch sollst du dich nicht fürchten,
verkündest du mein Wort.'«
Sie holten ihn am Abend wohl mit der Polizei,
Ihn auf die Post zu bringen, er rief den
Freund herbei,
Der schafft' ihm einen Dienstschein, geschirmet
war er so
Vor seinen Widersachern, sie waren des
nicht froh.
Und eine Rechnung reichten zur Zahlung
sie ihm dar,
Wo Postgeld nebst der Bütteln Gebühr
verzeichnet war;
Er aber sprach und lachte: »Geduldet
euch, ihr Herrn,
Hier paßt wohl ein Geschichtchen,
und ich erzähl es gern:
Den Unsern wird zu Lemberg ein kummervolles
Los,
Die jungen Herrn, die Schüler sind
ganz erbarmungslos,
Den armen Unterdrückten mißhandeln
sie und schmähn,
Und werfen ihn mit Steinen, wo immer sie
ihn sehn.
Als einer, den sie schlugen, nah am Verscheiden
war,
Vermaß sich die Gemeinde, bedrängt
von der Gefahr,
Den Jesuiten Obern zu klagen ihre Not;
Die haben unparteiisch erlassen ein Verbot:
Es dürfen nicht die Schüler aus
eitlem Zeitvertreib
Die Juden so mißhandeln, daß
sie an ihrem Leib
Beschädigt werden möchten; es
wird auch untersagt,
Blutrünstig sie zu schlagen, wie
eben wird geklagt.
Ein arglos Schimpfen, Werfen, ein Stoß
und solcherlei,
Das müssen sie erdulden und steht
den Schülern frei,
Weil mancher unter diesen ist guter Eltern
Kind,
Und Juden doch am Ende nur eben Juden
sind.
Ein Jud in diesen Tagen, der her die Straße
kam,
Bemerkte, daß ein Schüler ihn
recht zum Ziele nahm,
Er bückte sich bei Zeiten, und wich
dem Stein noch aus,
Der klirrend flog ins Fenster dem nächsten
Bürgerhaus.
Die Scheibe war zerbrochen; der Bürger
säumte nicht,
Und zog, Ersatz zu fodern, den Juden vor
Gericht:
'Denn hättest du gestanden dem Wurf,
wie sich's gebührt,
So wurde von dem Steine mein Fenster nicht
berührt.'
'Ihr habt den Stein geworfen, ich habe
mich gebückt,
So hat der Wurf die Scheibe des Nachbars
nur zerstückt;
Ich soll die Scheibe zahlen, das Recht,
das eure, spricht's,
Doch hat das Recht verloren, denn, seht!
ich habe nichts.'«
Als jene sich entfernet, verblieben noch
die zwei
Im traulichen Gespräche, sie dachten
laut und frei;
Begegnen sich die Geister verwandt im
Lichtrevier,
Das ist des Lebens Freude, das ist des
Lebens Zier.
Und Abba zu dem Freunde: »Bin friedlich
ja gesinnt,
Du siehst, daß aller Orten sich
Hader um mich spinnt;
Frei muß ich denken, sprechen und
atmen Gottes Luft,
Und wer die drei mir raubet, der legt
mich in die Gruft.
Von hinnen will ich ziehen, den Wanderstab
zur Hand
Ein Land der Freiheit suchen, nach Holland,
Engelland;
Der Druck hat hier den Juden Bedrückung
auch gelehrt,
Wohl wird er Duldung üben, wo Duldung
er erfährt.«
Und Mendelssohn dagegen und schüttelte
das Haupt:
»Du liebewerter Schwärmer,
der noch an Duldung glaubt,
Zeuch hin, dich bloß zu geben auch
dort der Eulenbrut!
Dein zugewognes Glücksteil, das ist
dein froher Mut.« -
»Mein zugewognes Glücksteil,
das ist die Liebe mein
Zu meinem Volk; mein Glaube, zu bessern
müss' es sein;
Mein Hoffen, mitzuwirken dazu mit Gut
und Blut;
Du nennst die drei zusammen, das ist mein
froher Mut.«
Und frohen Mutes nahm er den Wanderstab
zur Hand,
Und zog wohl in die Fremde, nach Holland,
Engelland;
Den blut'gen Welterobrer verfolgt die
Sage nur,
Vom Menschenfreund und Bettler verlieret
sich die Spur.
Zurück nach manchen Jahren gleich
frohen Mutes kam
Er nach Berlin gewandert; sein rechter
Arm war lahm;
Und blind sein andres Auge, vernarbt sein
Angesicht,
Sein Herz allein, das alte, verändert
war es nicht.
So trat er freundlich lächelnd vor
Moses Mendelssohn:
»Wie dort es mir ergangen, du Kluger,
siehst es schon;
Sie haben mich geschmähet, mißhandelt
und verbannt,
War ihnen Macht gegeben, sie hätten
mich verbrannt.«
Und wieder frohen Mutes, da ihn Berlin
verstieß,
Zog er nach seiner Heimat, die Haß
ihm nur verhieß,
Da wallt' er rüst'gen Schrittes,
ein Fremder, fort und fort,
Verstoßen, fluchbeladen, unstät
von Ort zu Ort.
Einst sucht' er wohl vergebens seit manchem
Tag vielleicht,
Wer ihm von seinem Brote das dürft'ge
Stück gereicht;
Der Schoß der Mutter Erde empfing
zur letzten Ruh
Sein graues Haupt, ihm fielen die müden
Augen zu.
Juli 2008
Heinrich Heine (1797
– 1856)
Disputation
In der Aula zu Toledo
Klingen schmetternd die Fanfaren;
Zu dem geistlichen Turnei
Wallt das Volk in bunten Scharen.
Das ist nicht ein weltlich Stechen,
Keine Eisenwaffe blitzet -
Eine Lanze ist das Wort,
Das scholastisch scharf gespitzet.
Nicht galante Paladins
Fechten hier, nicht Damendiener -
Dieses Kampfes Ritter sind
Kapuziner und Rabbiner.
Statt des Helmes tragen sie
Schabbesdeckel und Kapuzen;
Skapulier und Arbekanfeß
Sind der Harnisch, drob sie trutzen.
Welches ist der wahre Gott?
Ist es der Hebräer starrer
Großer Eingott, dessen Kämpe
Rabbi Juda' der Navarrer?
Oder ist es der dreifalt'ge
Liebegott der Christianer,
Dessen Kämpe Frater Jose,
Gardian der Franziskaner?
Durch die Macht der Argumente,
Durch der Logik Kettenschlüsse
Und Zitate von Autoren,
Die man anerkennen müsse,
Will ein jeder Kämpe seinen
Gegner ad absurdum führen
Und die wahre Göttlichkeit
Seines Gottes demonstrieren.
Festgestellt ist: daß derjen'ge,
Der im Streit ward überwunden,
Seines Gegners Religion
Anzunehmen sei verbunden,
Daß der Jude sich der Taufe
Heil'gem Sakramente füge,
Und im Gegenteil der Christ
Der Beschneidung unterliege.
Jedem von den beiden Kämpen
Beigesellt sind elf Genossen,
Die zu teilen sein Geschick
Sind in Freud und Leid entschlossen.
Glaubenssicher sind die Mönche
Von des Gardians Geleitschaft,
Halten schon Weihwasserkübel
Für die Taufe in Bereitschaft,
Schwingen schon die Sprengelbesen
Und die blanken Räucherfässer -
Ihre Gegner unterdessen
Wetzen die Beschneidungsmesser.
Beide Rotten stehn schlagfertig
Vor den Schranken in dem Saale,
Und das Volk mit Ungeduld
Harret drängend der Signale.
Unterm güldnen Baldachin
Und umrauscht vom Hofgesinde
Sitzt der König und die Kön'gin;
Diese gleichet einem Kinde.
Ein französisch stumpfes Näschen,
Schalkheit kichert in den Mienen,
Doch bezaubernd sind des Mundes
Immer lächelnde Rubinen.
Schöne, flatterhafte Blume -
Daß sich ihrer Gott erbarme -
Von dem heitern Seineufer
Wurde sie verpflanzt, die arme,
Hierher in den steifen Boden
Der hispanischen Grandezza;
Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon,
Doña Blanka heißt sie jetzo.
Pedro wird genannt der König
Mit dem Zusatz der Grausame;
Aber heute, milden Sinnes,
Ist er besser als sein Name.
Unterhält sich gut gelaunt
Mit des Hofes Edelleuten;
Auch den Juden und den Mohren
Sagt er viele Artigkeiten.
Diese Ritter ohne Vorhaut
Sind des Königs Lieblingsschranzen,
Sie befehl'gen seine Heere,
Sie verwalten die Finanzen.
Aber plötzlich Paukenschläge,
Und es melden die Trompeten,
Daß begonnen hat der Maulkampf,
Der Disput der zwei Athleten.
Der Gardian der Franziskaner
Bricht hervor mit frommem Grimme;
Polternd roh und widrig greinend
Ist abwechselnd seine Stimme.
In des Vaters und des Sohnes
Und des Heil'gen Geistes Namen
Exorzieret er den Rabbi,
Jakobs maledeiten Samen.
Denn bei solchen Kontroversen
Sind oft Teufelchen verborgen
In dem Juden, die mit Scharfsinn,
Witz und Gründen ihn versorgen.
Nun die Teufel ausgetrieben
Durch die Macht des Exorzismus,
Kommt der Mönch auch zur Dogmatik,
Kugelt ab den Katechismus.
Er erzählt, daß in der Gottheit
Drei Personen sind enthalten,
Die jedoch zu einer einz'gen,
Wenn es passend, sich gestalten -
Ein Mysterium, das nur
Von demjen'gen wird verstanden,
Der entsprungen ist dem Kerker
Der Vernunft und ihren Banden.
Er erzählt: wie Gott der Herr
Ward zu Bethlehem geboren
Von der Jungfrau, welche niemals
Ihre Jungferschaft verloren;
Wie der Herr der Welt gelegen
In der Krippe, und ein Kühlein
Und ein Öchslein bei ihm stunden,
Schier andächtig, zwei Rindviehlein.
Er erzählte: wie der Herr
Vor den Schergen des Herodes
Nach Ägypten floh, und später
Litt die herbe Pein des Todes
Unter Pontio Pilato,
Der das Urteil unterschrieben,
Von den harten Pharisäern,
Von den Juden angetrieben.
Er erzählte: wie der Herr,
Der entstiegen seinem Grabe
Schon am dritten Tag, gen Himmel
Seinen Flug genommen habe;
Wie er aber, wenn es Zeit ist,
Wiederkehren auf die Erde
Und zu Josaphat die Toten
Und Lebend'gen richten werde.
»Zittert, Juden!« rief der Mönch,
»Vor dem Gott, den ihr mit Hieben
Und mit Dornen habt gemartert,
Den ihr in den Tod getrieben.
Seine Mörder, Volk der Rachsucht,
Juden, das seid ihr gewesen -
Immer meuchelt ihr den Heiland,
Welcher kommt, euch zu erlösen.
Judenvolk, du bist ein Aas,
Worin hausen die Dämonen;
Eure Leiber sind Kasernen
Für des Teufels Legionen.
Thomas von Aquino sagt es,
Den man nennt den großen Ochsen
Der Gelehrsamkeit, er ist
Licht und Lust der Orthodoxen.
Judenvolk, ihr seid Hyänen,
Wölfe, Schakals, die in Gräbern
Wühlen, um der Toten Leichnam'
Blutfraßgierig aufzustöbern.
Juden, Juden, ihr seid Säue,
Paviane, Nashorntiere,
Die man nennt Rhinozerosse,
Krokodile und Vampire.
Ihr seid Raben, Eulen, Uhus,
Fledermäuse, Wiedehöpfe,
Leichenhühner, Basilisken,
Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.
Ihr seid Vipern und Blindschleichen,
Klapperschlangen, gift'ge Kröten,
Ottern, Nattern - Christus wird
Eu'r verfluchtes Haupt zertreten.
Oder wollt ihr, Maledeiten,
Eure armen Seelen retten?
Aus der Bosheit Synagoge
Flüchtet nach den frommen Stätten,
Nach der Liebe lichtem Dome,
Wo im benedeiten Becken
Euch der Quell der Gnade sprudelt -
Drin sollt ihr die Köpfe stecken -
Wascht dort ab den alten Adam
Und die Laster, die ihn schwärzen;
Des verjährten Grolles Schimmel,
Wascht ihn ab von euren Herzen!
Hört ihr nicht des Heilands Stimme?
Euren neuen Namen rief er -
Lauset euch an Christi Brust
Von der Sünde Ungeziefer!
Unser Gott, der ist die Liebe,
Und er gleichet einem Lamme;
Um zu sühnen unsre Schuld,
Starb er an des Kreuzes Stamme.
Unser Gott, der ist die Liebe,
Jesus Christus ist sein Name;
Seine Duldsamkeit und Demut
Suchen wir stets nachzuahmen.
Deshalb sind wir auch so sanft,
So leutselig, ruhig, milde,
Hadern niemals, nach des Lammes,
Des Versöhners, Musterbilde.
Einst im Himmel werden wir
Ganz verklärt zu frommen Englein,
Und wir wandeln dort gottselig,
In den Händen Lilienstenglein.
Statt der groben Kutten tragen
Wir die reinlichsten Gewänder
Von Muss'lin, Brokat und Seide,
Goldne Troddeln, bunte Bänder.
Keine Glatze mehr! Goldlocken
Flattern dort um unsre Köpfe;
Allerliebste Jungfraun flechten
Uns das Haar in hübsche Zöpfe.
Weinpokale wird es droben
Von viel weiterm Umfang geben,
Als die Becher sind hier unten,
Worin schäumt der Saft der Reben.
Doch im Gegenteil viel enger
Als ein Weibermund hienieden,
Wird das Frauenmündchen sein,
Das dort oben uns beschieden.
Trinkend, küssend, lachend wollen
Wir die Ewigkeit verbringen,
Und verzückt Halleluja,
Kyrie eleison singen.«
Also schloß der Christ. Die Mönchlein
Glaubten schon, Erleuchtung träte
In die Herzen, und sie schleppten
Flink herbei das Taufgeräte.
Doch die wasserscheuen Juden
Schütteln sich und grinsen schnöde.
Rabbi Juda, der Navarrer,
Hub jetzt an die Gegenrede:
»Um für deine Saat zu düngen
Meines Geistes dürren Acker,
Mit Mistkarren voll Schimpfwörter
Hast du mich beschmissen wacker.
So folgt jeder der Methode,
Dran er nun einmal gewöhnet,
Und anstatt dich drob zu schelten,
Sag ich Dank dir, wohlversöhnet.
Die Dreieinigkeitsdoktrin
Kann für unsre Leut' nicht passen,
Die mit Regula-de-tri
Sich von Jugend auf befassen.
Daß in deinem Gotte drei,
Drei Personen sind enthalten,
Ist bescheiden noch, sechstausend
Götter gab es bei den Alten.
Unbekannt ist mir der Gott,
Den ihr Christum pflegt zu nennen;
Seine Jungfer Mutter gleichfalls
Hab ich nicht die Ehr' zu kennen.
Ich bedaure, daß er einst,
Vor etwa zwölfhundert Jahren,
Ein'ge Unannehmlichkeiten
Zu Jerusalem erfahren.
Ob die Juden ihn getötet,
Das ist schwer jetzt zu erkunden,
Da ja das Corpus delicti
Schon am dritten Tag verschwunden.
Daß er ein Verwandter sei
Unsres Gottes, ist nicht minder
Zweifelhaft; soviel wir wissen,
Hat der letztre keine Kinder.
Unser Gott ist nicht gestorben
Als ein armes Lämmerschwänzchen
Für die Menschheit, ist kein süßes
Philantröpfchen, Faselhänschen.
Unser Gott ist nicht die Liebe;
Schnäbeln ist nicht seine Sache,
Denn er ist ein Donnergott
Und er ist ein Gott der Rache.
Seines Zornes Blitze treffen
Unerbittlich jeden Sünder,
Und des Vaters Schulden büßen
Oft die späten Enkelkinder.
Unser Gott, der ist lebendig,
Und in seiner Himmelshalle
Existieret er drauflos
Durch die Ewigkeiten alle.
Unser Gott, und der ist auch
Ein gesunder Gott, kein Mythos
Bleich und dünne wie Oblaten
Oder Schatten am Cocytos.
Unser Gott ist stark. In Händen
Trägt er Sonne, Mond, Gestirne;
Throne brechen, Völker schwinden,
Wenn er runzelt seine Stirne.
Und er ist ein großer Gott.
David singt: Ermessen ließe
Sich die Größe nicht, die Erde
Sei der Schemel seiner Füße.
Unser Gott liebt die Musik,
Saitenspiel und Festgesänge;
Doch wie Ferkelgrunzen sind
Ihm zuwider Glockenklänge.
Leviathan heißt der Fisch,
Welcher hause im Meeresgrunde;
Mit ihm spielet Gott der Herr
Alle Tage eine Stunde -
Ausgenommen an dem neunten
Tag des Monats Ab, wo nämlich
Eingeäschert ward sein Tempel;
An dem Tag ist er zu grämlich.
Des Leviathans Länge ist
Hundert Meilen, hat Floßfedern
Groß wie König Ok von Basan,
Und sein Schwanz ist wie ein Zedern.
Doch sein Fleisch ist delikat,
Delikater als Schildkröten,
Und am Tag der Auferstehung
Wird der Herr zu Tische beten
Alle frommen Auserwählten,
Die Gerechten und die Weisen -
Unsres Herrgotts Lieblingsfisch
Werden sie alsdann verspeisen,
Teils mit weißer Knoblauchbrühe,
Teils auch braun in Wein gesotten,
Mit Gewürzen und Rosinen,
Ungefähr wie Mateloten.
In der weißen Knoblauchbrühe
Schwimmen kleine Schäbchen Rettich -
So bereitet, Frater Jose,
Mundet dir das Fischlein, wett ich!
Auch die braune ist so lecker,
Nämlich die Rosinensauce,
Sie wird himmlisch wohl behagen
Deinem Bäuchlein, Frater Jose.
Was Gott kocht, ist gut gekocht!
Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an,
Opfre hin die alte Vorhaut
Und erquick dich am Leviathan.«
Also lockend sprach der Rabbi,
Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd,
Und die Juden schwangen schon
Ihre Messer wonnegrunzelnd,
Um als Sieger zu skalpieren
Die verfallenen Vorhäute,
Wahre spolia opima
In dem wunderlichen Streite.
Doch die Mönche hielten fest
An dem väterlichen Glauben
Und an ihrer Vorhaut, ließen
Sich derselben nicht berauben.
Nach dem Juden sprach aufs neue
Der katholische Bekehrer;
Wieder schimpft er, jedes Wort
Ist ein Nachttopf, und kein leerer.
Darauf repliziert der Rabbi
Mit zurückgehaltnem Eifer;
Wie sein Herz auch überkocht,
Doch verschluckt er seinen Geifer.
Er beruft sich auf die Mischna,
Kommentare und Traktate;
Bringt auch aus dem Tausves-Jontof
Viel beweisende Zitate.
Aber welche Blasphemie
Mußt er von dem Mönche hören!
Dieser sprach: der Tausves-Jontof
Möge sich zum Teufel scheren.
»Da hört alles auf, o Gott!«
Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich;
Und es reißt ihm die Geduld,
Rappelköpfig wird er plötzlich.
»Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof,
Was soll gelten? Zeter! Zeter!
Räche, Herr, die Missetat,
Strafe, Herr, den Übeltäter!
Denn der Tausves-Jontof, Gott,
Das bist du! Und an dem frechen
Tausves-Jontof- Leugner mußt du
Deines Namens Ehre rächen.
Laß den Abgrund ihn verschlingen,
Wie des Korah böse Rotte,
Die sich wider dich empört
Durch Emeute und Komplotte.
Donnre deinen besten Donner!
Strafe, o mein Gott, den Frevel -
Hattest du doch zu Sodoma
Und Gomorrha Pech und Schwefel!
Treffe, Herr, die Kapuziner,
Wie du Pharaon getroffen,
Der uns nachgesetzt, als wir
Wohlbepackt davongeloffen.
Hunderttausend Ritter folgten
Diesem König von Mizrayim,
Stahlbepanzert, blanke Schwerter
In den schrecklichen Jadayim.
Gott! da hast du ausgestreckt
Deine Jad, und samt dem Heere
Ward ertränkt, wie junge Katzen,
Pharao im Roten Meere.
Treffe, Herr, die Kapuziner,
Zeige den infamen Schuften,
Daß die Blitze deines Zorns
Nicht verrauchten und verpufften.
Deines Sieges Ruhm und Preis
Will ich singen dann und sagen,
Und dabei, wie Mirjam tat,
Tanzen und die Pauke schlagen.«
In die Rede grimmig fiel
Jetzt der Mönch dem Zornentflammten:
»Mag dich selbst der Herr verderben,
Dich Verfluchten und Verdammten!
Trotzen kann ich deinen Teufeln,
Deinem schmutz'gen Fliegengotte,
Luzifer und Beelzebube,
Belial und Astarothe.
Trotzen kann ich deinen Geistern,
Deinen dunkeln Höllenpossen,
Denn in mir ist Jesus Christus,
Habe seinen Leib genossen.
Christus ist mein Leibgericht,
Schmeckt viel besser als Leviathan
Mit der weißen Knoblauchsauce,
Die vielleicht gekocht der Satan.
Ach! anstatt zu disputieren,
Lieber möcht ich schmoren, braten
Auf dem wärmsten Scheiterhaufen
Dich und deine Kameraden.«
Also tost in Schimpf und Ernst
Das Turnei für Gott und Glauben,
Doch die Kämpen ganz vergeblich
Kreischen, schelten, wüten, schnauben.
Schon zwölf Stunden währt der Kampf,
Dem kein End' ist abzuschauen;
Müde wird das Publikum,
Und es schwitzen stark die Frauen.
Auch der Hof wird ungeduldig,
Manche Zofe gähnt ein wenig.
Zu der schönen Königin
Wendet fragend sich der König:
»Sagt mir, was ist Eure Meinung?
Wer hat recht von diesen beiden?
Wollt Ihr für den Rabbi Euch
Oder für den Mönch entscheiden?«
Doña Blanka schaut ihn an,
Und wie sinnend ihre Hände
Mit verschränkten Fingern drückt sie
An die Stirn und spricht am Ende:
»Welcher recht hat, weiß ich nicht -
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken.«
Juni 2008
Theodor Herzl (1860 – 1904)
Junge Juden
Wann erscheint mir als gelungen
Mein Bemüh’n auf dieser Erden?
Wenn aus armen Judenjungen
Stolze junge Juden werden!
Mai 2008
Ernst Stadler (1883 – 1914)
Judenviertel in London
Dicht an den Glanz der Plätze fressen
sich und wühlen
Die Winkelgassen, wüst in sich verbissen,
Wie Narben klaffend in das nackte Fleisch
der Häuser eingerissen
Und angefüllt mit Kehricht, den die
schmutzigen Gossen überspülen.
Die vollgestopften Läden drängen
sich ins Freie.
Auf langen Tischen staut sich Plunder
wirr zusam-men:
Kattun und Kleider, Fische, Früchte,
Fleisch, in ekler Reihe
Verstapelt und bespritzt mit gelben Naphthaflammen.
Gestank von faulem Fleisch und Fischen
klebt an Wänden.
Süßlicher Brodem tränkt
die Luft, die leise nachtet.
Ein altes Weib scharrt Abfall ein mit
gierigen Händen
Ein blinder Bettler plärrt ein Lied,
das keiner achtet.
Man sitzt vor Türen, drückt sich
um die Karren.
Zerlumpte Kinder kreischen über dürftigem
Spiele.
Ein Grammophon quäkt auf, zerbrochne
Weiberstimmen knarren,
Und fern erdröhnt die Stadt im Donner
der Automobile.
April 2008
Ernst Lissauer (1882 – 1937)
Zweier Völker Last
O Volk, mein Volk! Welch Volk ist denn
nun mein?
Wie eine Kiepe voll Geschichts-Gestein
Schleppe ich zweier Völker Last.
Dem Deutschen Jude, deutsch getarnt,
Dem Juden deutsch, treulos an Israel –
Hört ihr die Klapper, welche weithin
warnt?
Aussätzig von der beiden Völker
Fehl!
Dumpf um mich bläst Jahrtausendwind,
Ich kauere hoch am wilden Zeitenpaß
Und kratze mir den grauen Grind
Der Weltgeschichte, siech von Völkerhaß.
März 2008
Karl Stelter (1823-1912)
Antisemiten
Antisemiten sind nur entstanden
Aus Konkurrenten und Schuldenmachern,
Die, weil sie keinen Kredit mehr fanden,
Wurden zu Judenwidersachern.
Wer nie nach der Decke sich hat gestreckt,
Der hat s e i n Verschulden
im J u d e n entdeckt.
Februar 2008
Otto Richardt Schmidt-Cabanis
(1838-1903)
Die Sonne bleibt.
Welch´ein Knäuel menschlichen
Elends rollt
Dort auf unsere friedliche Flur heran?!
Welche Lawine von Elend wälzt sich
Unseren blühenden Gauen zu ?!
Weinende Kinder,
Der sorgenden Mutterhut
Jach entrissen;
Schwache Matronen, des stützenden
Stabes bar;
Männer, zu Greisen darniedergedrückt
Durch die bleierne Wucht der Noth;
Weiber, das Haar zerrauft
Und die Brüste zerfleischt,
Mit den stieren, zährenzerfressenen
Augen vergeblich
Nach der Spur ihrer Söhne suchend!
Sagt, wer seid Ihr, Unselige?
Redet, welch´ Schreckniß hat
Euch betroffen?!
Hat die brandende Fluth
Eure Aecker ertränkt?
Hat der brausende Sturm
Eure Hütten zerstört?
Hat des Feuers glutfauchender Odem
Euer Erbe zu Asche versengt?
Hat der berstende Leib der Erde
Gierig verschlungen Euch Gut und Hab´?!
– –
– „Wehe, was forschest Du?
Weh´, warum fragst Du ?
Nimmer der Elemente Haß
Kann so grausamen Spruch vollzieh´n:
B l i n d zerstören sie,
B l i n d vernichten sie
M i t ihren O p f e r n s i ch
s e l b st zugleich!
S e h e n d e n Auges vermag nur
der M e n s ch
So gegen S e i n e s g l e i ch
e n zu wüthen!“ – –
– Dann hat des Krieges höllische
Geißel
Also von Haus und Hof Euch vertrieben,
Hat Euch verjagt aus dem wohnlichen Heim,
Hat Euch rechtlos und mundtodt gemacht
?!
Aber wie ist mir? – ich mein, es ruht
ja
Rings in der Scheide das scharfe Schwert;
Nirgend umher in den Landen loht
Jenes Dämons furchtbare Fackel,
Deren Flamme allein
Fließendes Menschenblut löscht
?! – –
– „Nicht hat der Krieg, der Völker
Verderben,
Uns in die Fremde hinausgetrieben,
Nicht uns´re Hütten ein G e
g n e r zerstört!
B r ü d e r sind dieses Unheils Erzeuger,
Sprossen der eigenen Scholle haben
Uns der bleibenden Stätte beraubt,
Haben das Kind von der Mutterbrust,
Haben das Weib vom Gatten gerissen;
In die Oede, in Hunger und Elend
Wandern wir auf des Landesvaters,
Auf des eigenen Herrschers Geheiß!“
– –
– Und warum?
Was habt Ihr verbrochen ?
Habt Ihr „ihn“, den Gesalbten, geschmäht?
Habt Ihr das Reich dem Feinde verrathen?
Habt Ihr verletzt das heil´ge Gesetz?
Welchen unaussprechlichen Freveln
Droht solche Sühne – um Gotteswillen?!
– –
– „Wehe, Du sagst es: um G o t t e s
willen
Sind wir geworden wie Du uns siehst!
Weil wir den Einen Gott, den alleinigen,
Ihn, den Schöpfer von Himmel und
Erde,
U n s e r n Gott und E u r e n
und i h r e n,
Etwas anders als sie bekennen,
In etwas andern Lauten ihn loben,
In etwas andrer Form zu ihm beten,
D a r u m haben sie D a s
uns gethan! – –
– D a r u m ? N u r
d a r u m ?
So wird G o t t Euch retten,
Der der Seinen nimmer vergißt! –
–
– „G o t t soll uns helfen?!
Er hat geschaut die Schmach,
Er hat geduldet die That –
G o t t hat uns v e r l a s s e
n !
Was können wir gegen sein Gebot?
Uns bleibt ein Weg nur:
Verzweifeln und sterben!“ – –
– Nimmer, Ihr Dulder, sei dies das Ende!
Auf zu den Wolken hebet den Blick;
Wie diese dunklen, flücht´gen,
zerreißen:
Schwindet das Unheil, das Menschen uns
schaffen;
Wie vor des Windes Wehen sie weichen,
Schwindet das Dräuen der E
r d e n g ö t t e r!
Aber die S o n n e bleibt,
Aber die Sonne strahlt
Leuchtend herab vom ewigen Himmel;
Und so strahlt Euch das Auge des Einen,
Wahren, Ewigen Unerforschlichen!
Habt Ihr g e g l a u b t ihn,
so h o f f t auch auf ihn,
Der Euch wird l i e b e n d
gen Kanaan führen!
G l a u b e, H o f f n u n g
und L i e b e, die drei
Boten des mächtigen Herrschers der
Welten,
Sind Euch geblieben in Kummer und Noth!
Fest auf des G l a u b e n s Fels
Wurzle der Hütte Grund,
Die Ihr auf freier Erde Euch werdet
Neu erbauen mit neuer Kraft;
H o f f n u n g, des hehren,
Ernsten Bruders mildere Schwester,
Trockne die Zähren Euch von der Wange;
Aber die L i e b e, die stärkste
von ihnen,
Reicht Euch von Herzen die Hand,
Führt Euch den dornigen Pfad . .
. . . . .
Faßt ihre Rechte; sie stützt
Euch, sie trägt Euch;
W i r h e l f e n
A l l e Euch um der L i e b e
willen!
Januar 2008
Heinrich Heine (1797
– 1856)
Einem Abtrünnigen
O des heil’gen Jugendmutes!
O, wie schnell bist du gebändigt!
Und du hast dich kühlern Blutes
Mit den lieben Herrn verständigt.
Und du bist zu Kreuz gekrochen,
Zu dem Kreuz, das du verachtest,
Das du noch vor wenig Wochen
In den Staub zu treten dachtest!
O, das tut das viele Lesen
Jener Schlegel, Haller, Burke –
Gestern noch ein Held gewesen,
Ist man heute schon ein Schurke.
Dezember 2007
Ada Christen, (Pseud. für
Chrstiane von Breden; 1844 - 1901)
Auf dem alten jüdischen
Friedhof zu Prag
Sinnend stand ich bei dem Grabe
Rabbi Löws, des jüdischen Weisen,
Hörte wie im Traum den Führer
Seinen toten Ahnherrn preisen.
Und warum, so frug ich staunen,
All die Juden, groß’ und kleine,
Auf das Grab mit leisem Murmeln
Werfen bunte Kieselsteine?
Und es wurde mir die Antwort:
„Um zu ehren, ist geboten,
Daß wir Blumen streun Lebend’gen,
Steine auf das Grab den Toten.“
Von solch heidnischem Gebrauche
Sind wir Christen längst gereinigt,
Wir bekränzen stets die Gräber
Jener, welche wir gesteinigt.
November 2007
Adolph Donath (1876 – 1937)
War ein Jude und ein Krüppel,
Und sie peitschten ihn hinaus...
Draußen wüteten die Donner,
Und es sprach der Gott der Rache:
„Sieh, du Schöpfung meiner Hände,
Meine Donner schenke ich dir,
Daß sie deine Feinde schlagen;
Denn dein Herz ist eine Träne!“ -
-
Und es zitterten die Wolken,
Und der krumme Jude bebte
Und er schrie: „Du Gott der Liebe,
Gib mir meine alte Erde!...“
Da zerteilten sich die Wolken,
Alte Sonnen kamen wieder,
Und die weißen Engel sangen
Judas Zukunftsmelodei.
Oktober 2007
Ernst Stadler (1883 – 1914)
Gratia divinae pietatis adesto
savinae de petra dura
perquam sum facta figura
(Alte Inschrift am Straßburger Münster)
Zuletzt, da alles Werk verrichtet, meinen
Gott zu loben,
Hat meine Hand die beiden Frauenbilder
aus dem Stein gehoben.
Die eine aufgerichtet, frei und unerschrocken
–
Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt
Frohlocken.
Zu zeigen, wie sie freudig über allem
Erdenmühsal throne,
Gab ich ihr Kelch und Kreuzesfahne und
die Krone.
Aber meine Seele, Schönheit ferner
Kindertage und mein tief verstecktes Leben
Hab ich der Besiegten, der Verstoßenen
gegeben.
Und was ich in mir trug an Stille, sanfter
Trauer und demütigem Verlangen
Hab ich sehnsüchtig über ihren
Kinderleib gehangen:
Die schlanken Hüften ausgebuchtet,
die der lockre Gürtel hält,
Die Hügel ihrer Brüste zärtlich
aus dem Linnen aus-gewellt,
Ließ ihre Haare über Schultern
hin wie einen blon-den Regen fließen,
Liebkoste ihre Hände, die das alte
Buch und den zerknickten Schaft umschließen,
Gab ihren schlaffen Armen die gebeugte
Schwermut gelber Weizenfelder, die in Julisonne schwellen,
Dem Wandeln ihrer Füße die
Musik von Orgeln, die an Sonntagen aus Kirchentüren quellen.
Die süßen Augen mußten
eine Binde tragen,
Daß rührender durch dünne
Seide wehe ihrer Wim-pern Schlagen.
Und Lieblichkeit der Glieder, die ihr
weiches Hemd erfüllt,
Hab ich mit Demut ganz und gar umhüllt,
Daß wunderbar in Gottes Brudernähe
Von Niedrigkeit umglänzt ihr reines
Bildnis stehe.
September 2007
Alfred Lichtenstein (1889
– 1914)
Der Rauch auf dem Felde
Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken,
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.
Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,
Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.
Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten
Ganz betrunkne Späße machten
–
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten
Feldern, die der Mond beschmierte . . .
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend
Aus und rauchte . . .
August 2007
Ernst Lissauer (1882-1937)
„Feindes-Sprache“
„Du, der die Sprache seiner Feinde spricht!
Du, der mit jedem Laut die Schmach vergibt!
Du, der die Sprache seiner Feinde liebt!
Mit jeder Silbe hältst du dir Gericht!“
Und ob sie mich auch schmähn auf allen
Gassen,
Ich kann die deutsche Sprache niemals
hassen.
Aus deutscher Sprache ist mein Geist gebaut,
Die fremde Luft wird deutsch von meinem
Laut.
Ich bin verbannt,
Nicht aus dem Wort.
Es zieht mit mir –
Mein Land,
Mein Ort.
Juli 2007
Ludwig Robert (1778-1832;
Pseud. für Liepmann Levin; Bruder Rahel Levin-Varnhagens)
Jude und Christ
Wenn der ein Jud’ ist, der im Mutterleibe
Verdammt schon ward zu niedrem Sklavenstande,
Der ohne Rechte lebt im Vaterlande,
Dem Pöbel, der mit Kot wirft, eine
Scheibe,
Dem gar nichts hilft, was er auch tu’ und
treibe,
Des Leidenskelch doch voll bleibt bis
am Rande,
Verachtungsvoll und schmachvoll bis am
Rande –
Dann bin ich Jud’ und weiß auch,
daß ich’s bleibe.
Und wenn der Christ ist, der sich streng
befleißet,
Sein Erdenkreuz in Demut zu ertragen,
Und die zu lieben, die ihn tödlich
hassen,
Glaubend, daß alles, was sein Herz
zerreißet,
Der Herr, um ihn zu prüfen, zugelassen
–
Dann bin ich Christ! Das darf ich redlich
sagen.
Juni 2007
Hugo Zuckermann 1881 – 1915
(einer Kriegsverletzung erlegen)
Die neuen Makkabäer
Heute darf ich den Genossen
Makkabäerlieder sagen,
Weil ich selbst ein Schwert getragen
Und mein rotes Blut vergossen.
Heute keine Siegeslieder,
Heute keine Freudenkerzen –
Beugt euch mit zerriss’nen Herzen
Zur entweihten Erde nieder!
Noch ist nicht die Zeit vollendet,
Noch ist nicht das Land gereinigt,
Noch wird unser Volk gesteinigt,
Unsre Tempel sind geschändet.
Keiner festlich hellen Stuben
Siebenarmig Kerzenschimmern –
Über Scherben, Schutt und Trümmern
Raufen sich zerlumpte Buben.
In den weihedunklen Schulen
Stampfen die Kosakenrosse,
Nach dem Lied der letzten Posse
Walzen zwei betrunk’ne Buhlen.
Unter der Granaten Pochen,
Die den Friedhof gut getroffen,
- Alle Gräber gähnen offen –
Speit die Erde Totenknochen.
Darum keine Siegeslieder,
Darum keine Freudenkerzen –
Beugt euch mit zerriss’nen Herzen
Zur entweihten Erde nieder!
In die harten Hände pressen
Sollt ihr fest zwei Erdenbrocken!
Meine Rechte werde trocken,
Könnt’ ich deiner je vergessen!
Deiner Seufzer, deiner Tränen,
Deiner Schwären, deiner Schande!
Judenvolk im Polenlande,
In dem Rachen der Hyänen!
Wer ein gutes Schwert kann schwingen,
Wer noch kann die Büchse tragen,
Wer da kann die Trommel schlagen,
Soll den Arm zum Opfer bringen.
Wer die Berge kann bezwingen,
Wen ein flinkes Roß getragen,
Wer sich auf den Mast will wagen,
Soll die Beine uns verdingen.
Eure Künste, euer Streben,
Eure festen Daseinsplätze,
Eure Häuser, eure Schätze
Heischen wir und: euer Leben!
Euer Leben, daß nicht sterbe
Väterart und Vätererbe.
Macht den Tempel wieder rein,
Laßt uns Makkabäer sein!
Mai 2007
Theodor Lessing (1872 – 1933;
ermordet)
Du bist andre Art
(„Werbung“)
Gib mir die Hand und laß mich dein Auge sehn.
Gingst du allein als Kind, oft im Wald allein?
Liebst du in Nächten schlaflos am Fenster stehn?
Schlaflos der Sterne Schein?
Frau, die ich liebe, kennst du den Hunger gut?
Kennst du den Hunger und alles das Grämen da?
Nagt auch an dir der verschütteten Träume Glut?
Stirbst du auf Golgatha?
Frau, die ich liebe, sprich von der Winterfrist,
Wo ersteht all das zuckende Jugendweh,
Das im Lächeln – ihnen – begraben ist,
Unser totes Kind im Schnee.
Kennst du es nicht, wirst du nimmer mein,
Denn du bist andre Art, und die Stunde kommt,
Wo du verachten wirst, was dir nicht frommt ...
Und ich werd’ schweigen und lächeln und wieder einsam sein.
April 2007
Stefan George (1868-1933)
Germanen und Juden
Ihr Äußerste von windumsauster Klippe
Und schneeiger Brache! Ihr von glühender Wüste!
Stammort des Gott-Gespenstes – gleich Entfernte
Von heitrem Meer und Binnen, wo sich Leben
Zu Ende lebt in Welt von Gott und Bild! . . .
Blond oder schwarz demselben Schoß entsprungne,
Verkannte Brüder, suchend euch und hassend,
Ihr immer schweifend und drum nie erfüllt!
März 2007
Mathias Acher (Nathan Birnbaum;
1864-1937)
Ihr und ich
Ihr habt mir das Schwert aus den Händen gewunden,
Die Krone gerissen vom Königshaupt,
Ihr habt mir den Rücken krumm gebunden,
Den kecken, den siegenden Blick geraubt!
Ihr habt mich aus einsamer Höhe gestoßen,
In wimmelnde Tiefe hinabgedrängt,
Ihr habt meinen Stolz, den reinen und großen,
In Schmutz und Schlamm und Sumpf ertränkt!
Ihr habt mich gehalten in dumpfen Verließen
Und habt mir gestohlen die jauchzende Welt,
Ihr habt mich betrogen ums Glückgenießen
Und habt mir den Sinn meines Lebens entstellt!
So will ich euch fluchen und will euch hassen!
Doch nein! – Ich entkam ja der Schmach und Not;
Wohl könnt ihr´s in eurem Dünkel nicht fassen,
Wie blutend Leben weiter loht:
Aus meinem Herzen hab’ ich gesogen
Viel sonnige Fäden so fein und fest,
Und hab’ mir daraus zusammengewoben
Ein neues, lauschiges Weltennest.
Aus meinem Geiste hab’ ich geschmiedet
Mir hurtig Krone und Schwert zugleich,
Nun rag’ ich aufrecht und glanzumfriedet
In meinem jungen Gedankenreich.
Und hole aus tiefen Seelenverstecken
Mein Wollen, den zeugenden Sturm, hervor,
Und lass’ ihn wirbeln und lass’ ihn wecken
Aus Ahnen und Denken die Taten empor! ...
So will ich euch segnen und will euch lieben,
Soviel und so schwer ihr gesündigt an mir!
Denn ich bin das siegende Opfer geblieben
Und reueverfallene Henker ihr!
Februar 2007
Ludwig Fulda (1862-1939 Suizid)
Sagt Einer heut auf hohem Rednerpult
Mit etwas Zungenkunst und Spiegelfechten:
„Die Müllerknechte sind an Allem schuld,
An allem Schädlichen und allem Schlechten“,
Und wiederholt im Lande weit und breit
Den gleichen Satz mit kühler Überlegung,
Dann haben wir äußerst kurzer Zeit
Die große Anti-Müllerknecht-Bewegung.
Januar 2007
Max Nordau (Pseud. für
Max Simon Südfeld), 1849-1923
Dem Antisemiten
Wie den köstlichsten Wein zu Essigsäure
Vergiftet das faulige, kahmige Faß,
So die christliche Liebe verderbet eure
Modrige Seele zu christlichem Haß.
Des Heilands wollen nun wir gedenken,
Da ihr ihn vergesst in heidnischer Wuth,
Und Mitleid auch und Verzeihung schenken
Sprechend: Ihr wisst nicht, was ihr thut!“
Dezember 2006
Günther Walling (1839-1896;
Karl Fr. Ulrici)
Den Brüdern in Christo
(1893)
Sie haben unsre Schlachten mitgeschlagen,
Sie haben unsre Siege miterrungen,
Und dennoch schmäht Ihr sie mit Lästerzungen;
Weshalb? – Weil sie den Namen Juden tragen.
Sie haben mitgeweint bei unserm Klagen,
Sie haben laut ihr Freudenlied gesungen,
Als wir errangen Ruhm und Huldigungen;
Deutsch, wie ihr Wort, war ihres Herzens Schlagen.
Und nun, da Deutschland groß und neu geeinigt,
Ist Euer Dank und Euer christlich Lieben,
Daß laut Ihr ruft: „Die Juden kreuzigt, steinigt.“
Ein Brandmahl habt in eitler Sinnumnachtung
Ihr auf die Heuchlerstirn Euch selbst geschrieben;
Nur ein Gefühl bleibt mir für Euch: Verachtung!
November 2006
E. Henle (Pseud. für
Elise Levi, geb. Henle, 1832-1892)
Was ich davon halte?
Der Antisemitismus ist –
Sie fragen, was i ch davon halte –
Ein Rückschritt, der nach Jahrhunderten mißt,
Die Rohheit wecket, die alte.
Er ist eine Schande für unsre Zeit,
Ein Auswuchs und häßliches Mal;
Ich sehe ihn wachsen und seh´ es mit Leid,
Daß möglich ein solcher Skandal.
Dort, wo er begonnen, dort müsse er enden,
Ich klage die Obersten an,
Sie hatten die Macht, das Unheil zu wenden,
Und s i e gaben frei ihm die Bahn.
Nun wälzt sich, verheerend der gräßliche Brand,
Geschürt von dunkelen Männern,
Durch Deutschlands Gauen von Land zu Land,
Geschützt von heimlichen Gönnern.
Und so wird es bleiben noch endlose Zeit
Trotz eifrigen, mühsamen Strebens,
Und nimmer wird enden des Judenvolks Leid,
Denn h i e r kämpfen Götter vergebens.
Oktober 2006
Nikolaus Lenau (Pseud. für
Niembsch Edler von Strehlenau, 1802-1850)
Der arme Jude
Armer Jude, der du wandeln
Mußt von Dorf zu Dorf hausierend,
Schlecht genährt und bitter frierend,
Allwärts rufend: „Nichts zu handeln?!“
Holt die Seuche Mann und Frauen,
Ziehst du nach auf ihrer Fährte,
Und die Kleider, die sie leerte,
Schleppst du fort, dir darf nicht grauen.
Auf dem Baume krächzt der Rabe,
Hunde zerren dich am Rocke,
Schneegestöber Flock an Flocke.
Fleißig wanderst du am Stabe.
Ein Jerusalem, papieren,
Bauen deine Stammgenossen,
Doch für dich ist es verschlossen,
Wandern mußt du, darben, frieren.
Jene haben’s hoch getrieben,
Du verschacherst alte Kleider;
Aber alle seid ihr leider
Ein geknicktes Volk geblieben.
September 2006
Friedrich Gottlieb Klopstock
(1724-1803)
Aus der Ode „An den Kaiser“
(Joseph II.)
Den Priester rufst du wieder zur Jüngerschaft
Des großen Stifters; machest zum Untertan
Den jochbeladenen Landmann; machst den
Juden zum Menschen. Wer hat es geendet,
Wie du beginnest? Wenn vor des Ackerbau’s
Schweiß nicht für ihn auch triefet des Bauern Stirn,
Pflügt er nicht Eigentum dem Säugling,
Seufzet er mit, wenn von Erntelasten
Der Wagen seufzt: so bürdet Tyrannenrecht
Dem Unterdrückten Landeserhaltung auf,
Dienst, den die blut’ge Faust des Stärkern
Grub in die Tafel. Und die zerschlägst du!
Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht,
Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht!
Und tut der’s nicht, weil unsere Fürsten
Sie in zu eiserne Fesseln schmieden?
Du lösest ihnen, Retter, die rostige,
Eng angelegte Fessel vom wunden Arm;
Sie fühlen’s, glauben’s kaum. So lange
Hat’s um die Elenden hergeklirrt.
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